Box Festival Teatro Oficina

29. August 2011

       

In Brasilien ist eine Box mit 4 Inszenierungen des Teatro Oficina aus São Paulo erschienen, Bacantes, die erotische Oficina-Fassung der Bakchen von Euripides, Cacilda!,  eine biographische Studie über Leben und Werk der brasilianischen Schauspielerin Calcida Becker von Zé Celsos (das ist José Celso Martinez Correa), Hamlet von William Shakespeare und Boca de Ouro (Der Mann mit dem goldenen Gebiss) von Nelson Rodrigues. Die Box Festival Teatro Oficina umfasst 7 Discs, alle englisch untertitelt.

Lieferbar sind die Einzeltitel noch bei CD Point und bei Livraria Cultura. Beide versenden auch ins Ausland. Die Box selbst ist ausverkauft.

Das Teatro Oficina, wie es sich seit seiner Neugründung nach der Militärdiktatur nennt, ist eine der ältesten Theatertruppen Brasiliens, gegründet bereits 1958, geleitet von Zé Celsos (José Celso Martinez Correa).

„In Brasilien ist Zé Celso längst eine Legende. Bereits Ende der 1950er Jahre gründete er das Teatro Oficina, das er, nach Jahren im Exil während der Militärdiktatur, Anfang der 90er Jahre unter dem etwas sperrigen Namen Teatro Oficina Uzyna Uzona wiederbelebte. Nachdem er Anfang der 60er Jahre zunächst mit Augusto Boal zusammengearbeitet hatte, legte er 1967 mit der Uraufführung von O Rei da Vela (Der Kerzenkönig) des Modernisten Oswald de Andrade die Grundlage seiner Theaterästhetik. Die Inszenierung war gleichzeitig die Initialzündung für die Tropicália, jener berühmten polemischen Bewegung um die Musiker Caetano Veloso, Tom Zé und Gilberto Gil (dem heutigen Kulturminister des Landes), die stilbildend die Fusion verschiedener Elemente propagierte und mit künstlerisch herausragenden Ergebnissen die „Anthropophagie“ Oswald de Andrades unterstrich: Man ist offen für alle Einflüsse, vermischt sie mit den eigenen Traditionen und lässt aus diesem Sud etwas Neues, Unerhörtes entstehen. So etwas wie das Megatheater Krieg im Sertão. “ (Friedhelm Teicke)

Mit diesem 24 stündigen Epos trat das Theater 2004 auf den Ruhrfestspielen in Recklinghausen auf.

„Die Herausbildung seiner Nation als Integration vieler heterogener Elemente, wie sie Krieg im Sertão vorführt, will Celso durchaus als Parabel verstanden wissen in einer Welt, in der kulturelle Verschiedenheit zu Gewalt, Terror und Krieg führt. Kein Rückblick auf vergangene Geschichte ist dieses in allen Teilen fast 24-stündige Marathontheater also, sondern hochaktuell. Doch solch ein Totaltheater stellt Anforderungen an den Raum. Der gesamte Bühnen- und Zuschauerraum der Volksbühne wird entkernt, es entsteht – ähnlich wie seinerzeit bei Bert Neumanns/Frank Castorfs  „Neustadt“-Projekt – ein überall bespielbarer Theaterraum. Der Zuschauer ist mittendrin statt nur dabei. Diese Bühne, eine Piste eigentlich, ist dem Originalraum des Teatro Oficina in São Paulo nachempfunden, einer Spielfläche wie im Sambódromo in Rio. Ein angemessener Ort für eine „Karnevalsoper“. „Andere Irritationen“ zu stiften, hat sich Castorf für die neue Spielzeit vorgenommen und das wird ihm mit der brasilianischen Eröffnung gleich gelingen. Bereits im letzten Jahr zeigte das Teatro Oficina das, damals noch dreiteilige, Epos in Deutschland: bei den Ruhrfestspielen Recklinghausen. Da brachte es dieses Theater der Maßlosigkeit fertig, das kühle deutsche Publikum aus der Reserve zu locken. Es gab gar etliche Zuschauer, die das ungewohnte Theatererlebnis am eigenen Leib dazu verführte, den nackten Darstellern in die Hüllenlosigkeit zu folgen. „Bei uns in São Paulo haben wir fast ausschließlich ein junges Publikum“, sagt Celso, „ich freue mich, dass es hier in Deutschland weitaus gemischter ist.“ ( (Friedhelm Teicke)

Auch dieses Stück ist in Brasilien auf DVD erschienen, allerdings nur erhältlich beim Theater selbst.

Darüber hinaus sollte am 16. August dieses Jahres eine weitere DVD-Box  mit 4 Stücken erscheinen, „Oficina 50 Anos“, die seit 2008, dem 50 jährigen Jubiläum der Truppe realisiert worden sind.



Shakespeare’s An Age of Kings

31. März 2009

Heute erscheint in den USA ein Stück Fernsehgeschichte der BBC erstmals auf DVD: Die Live-Inszenierung von Shakespeares (gekürzten) Königsdramen Richard II, Henry IV, Henry V, Henry VI und Richard III in chronologischer Reihenfolge, 86 Jahre überspannend. Die 15-teilige Serie wurde 1960 live ausgestrahlt und dabei auf Film aufgezeichnet. Das Ensemble von „An Age of Kings“ umfasst in den Hauptrollen David Andrews (Lord Hastings), Patrick Garland (John of Lancaster) und Julian Glover (Earl of Westmoreland), in Nebenrollen Judi Dench und Sean Connery, 2 Jahre vor seinem ersten Bond-Film. Insgesamt gibt es über 600 Sprechrollen:

„Unlike many BBC productions of the time, An Age of Kings has been preserved in its entirety, and it makes fascinating viewing, both in its own right and in comparison with the later BBC Television Shakespeare cycle (1978-85).“ (Michael Brookie in Screen Online)

Zu diesem faszinierenden Pionierprojekt des Fernsehens bietet Internet Shakespeare Editions mehr Details und die Beschreibung der einzelnen Folgen.


F.T.A. – Free the Army

11. Februar 2009

Ende Februar erscheint in den USA eine historische Ausgrabung auf DVD, die bisher nur sehr selten oder besser, nie zu sehen war. „F.T.A.“ , wahlweise als „Free the Army“ oder „F*** the Army“ aufzulösen, ist eine satirische Show, die Jane Fonda, Donald Sutherland und einige andere 1971 zusammengestellt hatten, um GIs für die Bewegung gegen den Vietnamkrieg zu gewinnen. „FTA“ dokumentiert die Pazifiktour der Truppe mit zahlreichen Interviews von Soldaten:

„Available for the first time since it mysteriously disappeared in 1972 after only one week in theaters, this raucous film is a riveting slice of the Vietnam anti-war movement. Reviving the wonderfully campy, yet biting theater of Jane Fonda and Donald Sutherland’s Free The Army (or, more popularly, „F*** The Army“) Tour, FTA captures the entertaining magic and mayhem of the anti-war and pro-labor show as it rallies and rouses dissident GIs stationed along the Pacific Rim.

A gritty mix of rollicking performances and GI interviews, FTA juxtaposes lighthearted political satire with the somber realities of war, occupation, and the absurdities of military life, a barbed rebuke to the staid USO program. From Okinawa to the Philippines, stirred by the show’s provocative message, the members of the U.S. military find courage to speak out candidly in front of the camera.“ (Docurama)

„F.T.A.“ ist zweifellos ein historisches Dokument der amerikanischen Antikriegsbewegung:

„The music was also excellent. What is most remarkable in the film, though, are the interviews with soldiers on active duty in wartime, and the camera pans of vast crowds of soldiers watching the stage performance avidly. It brings home the support that the peace movement had even with active duty troops in wartime.

It’s exceptionally difficult to get a copy of this film in the U.S., though there are some copies still in circulation in Europe. If you ever get a chance to see it, don’t miss it–it’s an important slice of U.S. history, long buried and forgotten. Today we remember (falsely) that peaceniks spat upon veterans. This gives the lie to that urban myth. In fact, the peace movement and veterans were often strongly aligned, as both groups were dedicated to „supporting the troops“ by bringing them home.“ (kalital from Tucson, AZ, IMDb)


Makibefo

4. November 2008

In der heute erschienenen Ausgabe des Film-Dienst wird „Makibefo“ besprochen, eine Verfilmung des Shakespeare-Dramas „MacBeth“. Alexander Abela und der dänische Toningenieur Jeppe Jungersen haben diesen Film ganz allein im Süden von Madagaskar mit Laiendarstellern von der Insel gedreht, weitgehend nach dem Originaltext in einer asketischen, auf das wesentliche reduzierten Erzählweise:

„Hier ist es der Krieger Makibefo, dem ein Schamane das Königszeichen auf die Stirn malt und der deshalb und auf Drängen seiner Frau hin den großherzigen König Danikany erdolcht. Und da das Blut nun einmal an ihren Händen klebt, muss das Morden weitergehen, um verräterische Spuren und etwaige Zeugen zu entfernen.

Trotz oder gerade weil Filmemacher Abela bei seinem Langfilmdebüt nur ein geringes Budget und begrenzte technische Mittel zur Verfügung standen – er und sein Toningenieur bildeten die gesamte Filmcrew, die beeindruckenden Laiendarsteller rekrutierte er aus einer abgeschiedenen Siedlung der madagassischen Volksgruppe der Antandroy –, wirkt dieses Morden besonders effektvoll, besonders brutal und sinnlos: Zu sehen sind niedersausende Speere, zu hören der sanft-regelmäßige Wellenschlag des Meeres und dazu das Geräusch von Metall, das in Fleisch schneidet. Die kontrastreichen Bilder vereinzelter dunkler Körper vor der schier unendlichen weißen Weite dieses Fleckchens Erde „am Ende der Welt“ und die auf wenige elementare Laute – Atem, Tod, Wasser, Wind – sowie einige traditionelle Gesänge reduzierte Tonspur ergänzen sich auf kongeniale Weise; sie erzählen von der Einsamkeit des Menschen gegenüber seinem Schicksal, vor allem aber angesichts der eigenen Machtgier und Herrschsucht.“ (Katharina Zeckau: Zweimal MacBeth aus Übersee. Film-Dienst 2008, Heft 23)

Herausgeber der DVD ist Scoville Film in Berlin, wo man sie auch direkt bestellen kann. „Makibefo“ soll der erste Titel einer ganzen Reihe sein:

„Am 18. Juli 2008 hat Scoville Film seine etwas ‘andere’ DVD-Edition gestartet mit außergewöhnlichen Shakespeare-Verfilmungen die abseits des Mainstreams entstanden sind. Den Anfang macht der Film Makibefo, eine Macbeth-Bearbeitung aus Madagaskar von Alexander Abela. Schauen Sie einfach in unserem Online Shop vorbei!“ (Scoville Film) – siehe auch Shakesper.


Protagonist von Jessica Wu

30. September 2008

In den USA ist der Film „Protagonist“ (2006) von Jessica Wu auf DVD erschienen. Basierend auf den Theaterstücken von Euripides, deren Schlüsselszenen mit Puppen nachgespielt werden, analysiert Jessica Wu die menschliche Neigung zu Besessenheit und Extremismus im Gespräch mit vier Männern, die in ihrem Leben solche Erfahrungen gemacht haben: einem deutschen Terroristen (Hans-Joachim Klein), der sich dem Dogma der Gewalt schließlich verweigerte, einem Bankräuber, der in seiner Kindheit mißbraucht wurde, einem „ex-schwulen“ Evangelisten, der sich dann doch zu seiner Homosexualität bekannte, und einem mißachteten Jungen, der Martial Arts-Schüler wurde:

… as their stories unfold, one starts to see the parallels between the uncommon, common experience of these four men. Each character embarks on a journey for valid reasons, only to find himself so deeply embedded in the cause that he becomes the opposite of what he had intended. He is blind to this fact, though, until the forces of fate and character boil and distill to a single moment of dark epiphany. In telling this echoing story, the film asks: what is the path to extremism? In responding to the turmoil of life, where does one draw the line between the reasonable and the unreasonable? And how does one recover from the delusion of certainty?“ (Jessica Wu)

Der formal innovative Film macht auf verblüffende Weise die offenbar immerwährende Aktualität von Euripides deutlich:

“ Paradoxically proving through innovation that there’s nothing new under the sun, director Jessica Yu (In the Realms of the Unreal) craftily co-opts and builds upon the intertwining, disparate talking-head structure of Errol Morris’s Fast, Cheap & Out of Control to illustrate how a modern life can follow the same trajectory as a classic hero’s journey. Inspired by an absurdly challenging request to make a doc about the Greek tragedian Euripides, Yu’s alternative approach was to deconstruct the playwright’s ideas through an articulate, motley quartet of extremist personalities… Yu’s rousing, difficult-to-classify exercise in parallel storytelling is surprisingly accessible, and all the more insightful for it. (Aaron Hillis, Village Voice)

Nachtrag vom 7.10.2008: Letzten Sonntag in den Münchner Kammerspielen: Das Stück zum Film oder auch umgekehrt – Tom Lanoyes „Mamma Medea“ in der Inszenierung von Stephan Kimmig. Nur die ersten zehn Reihen des Zuschauerraums waren gefüllt. Bei solcher Nähe traf einen die Wucht des Spiels von Sandra Hüller noch unvermittelter in dieser quasi privaten Aufführung von Euripides aktualisierter Tragödie über die Mechanik von Fanatismus und Opportunismus. Vor der Folie des Films sieht man die Interpretation von Tom Lanoye und Stephan Kimmig glasklar.


Autism – The Musical

23. September 2008

Letzten Sonntag hat ein Dokumentarfilm den amerikanischen Fernsehpreis EMMY (Best nonfiction special) gewonnen, dessen Sujet zunächst paradox zu sein scheint: Autistische Kinder erarbeiten zusammen mit ihren Familien ein bühnenreifes Musical. Der Film „Autism – the Musical“ (HBO) von Tricia Regan zeigt die Arbeit von Elaine Hall mit den Kindern. Entstanden ist ein faszinierender Film über Menschen, denen es trotz aller Hemmnisse gelingt, im Spiel ihre Schranken zu durchbrechen:

„Eloquently attesting to the transformative power of theater, „Autism: The Musical,“ an upbeat docu about putting on a musical for, with and by autistic children, proves as riveting as it is revelatory. With diagnosed cases of the disease rapidly escalating in America throughout the last decade, this docu’s exploration of alternative methods of treatment seems opportune, not to mention downright joyous at times. Moving, dramatic, therapeutic and unburdened by reliance on talking heads, uplifting „Musical“ could claim a real shot at limited arthouse distribution before it finds a home on the small screen.

Like Scott Kennedy’s „OT: Our Town,“ about a socially disadvantaged group of kids mounting an amateur theatrical production against all odds, Tricia Regan’s film skillfully weaves the lives of its subjects around progressive stages of rehearsals over a period of six months — creating an organic arc that allows for a tremendous degree of information to be dispensed within the evolving storyline.

Each time the camera returns to a new run-through, the viewer has been granted increased familiarity and greater identification with the kids and their parents. As the film concerns a process of socialization whereby isolated figures onstage learn to relate to one another, so the film’s unfolding structure effects a process of socialization for the audience.“ (Ronnie Scheib, Variety)

Der Film ist bei Docurama auf DVD erschienen und in den USA bestellbar.


60 Jahre Festival von Avignon

24. November 2007

In Frankreich ist eine bedeutende Sammlung von Theaterinszenierungen auf DVD erschienen. 60 Ans Festival d’Avignon versammelt 4 markante Inszenierungen aus den Jahren 2000 bis 2004 zum Jubiläum des Festivals:

  • „Medea“ von Euripides mit Isabelle Huppert in der Regie von Jacques Lasalle. Die Filmregie hatte Don Kent (Avignon 2000, deutsche Untertitel). – Interview mit Isabelle Huppert
  • „Die Schule der Frauen“ von Molière mit Pierre Arditi und Agnès Sourdillon in der Regie von Didier Bezace, Filmregie ebenfalls von Don Kent (Avignon 2001, Théâtre de la Commune, deutsche Untertitel). – Auszug aus dem Pressedossier
  • „Trilogie der Sommerfrische“ von Carlo Goldoni in der Regie von Jean Louis Benoit, Filmregie von Pierre Cavassilas (Avignon 2002, Théâtre National de la Criée – Marseille, keine Untertitel)
  • „Woyzeck“ von Georg Büchner mit Bruno Cathomas in der Regie von Thomas Ostermeier, Filmregie von Hannes Rossacher (Avignon 2004, Schaubühne am Lehniner Platz, deutsch mit franz. Untertiteln). – Arte Programmankündigung

Enthalten in der Box ist die Dokumentation „Cour d’honneur et champs de bataille“ (Avignon – Ehrenhof und Schlachtfeld, Frankreich 2006, 75 Min., deutsche Untertitel) von Michel Viotte und Bernard Faivre D’Arcier über die Geschichte des 1947 von Jean Vilar gegründeten Festivals im alten Ehrenhof des Papstpalastes in Avignon. Zur Inszenierung der „Schule der Frauen“ gibt es außerdem eine knapp einstündige Dokumentation von Jean-Philippe Granier, der die Arbeit an dem Stück drei Monate lang mit der Kamera begleitet hat.