John Gianvito

27. November 2009

In der aktuellen Kolumne „Historical Meditations in Two Films by John Gianvito“ weist Jonathan Rosenbaum in seinem Blog auf die beiden Filme des kaum bekannten Filmemachers John Gianvito hin, „The Mad Songs of Fernanda Hussein“ (deutsch) und „Profit Motive and the Whispering Wind“ (deutsch). Den ersten, ein Spielfilm über drei Protagonisten des US-amerikanischen Lebensgefühls zur Zeit des ersten Golfkriegs, zählt Rosenbaum zu den wichtigsten Independent-Filmen des letzten Jahrzehnts:

„… this feature remains for me one of the key American independent … features of the past decade, and it’s hard for me to think of another that’s more personally important to me.“ (Jonathan Rosenbaum)

Der zweite ist ein meditativer Dokumentarfilm über den Gräbern von Vorkämpfern für eine gerechtere Gesellschaft:

„Never morbid, and too gentle to qualify as strictly didactic, Profit Motive invites us to accompany Gianvito on a casual, fact-finding tour of American history that’s as much concerned with what is lost as what is found.“ (Jonathan Rosenbaum)

… ein lesenswerter kleiner Essay, der einen wenig beachteten Filmemacher hervorhebt.

„The Mad Songs of Fernanda Hussein“ ist nur noch als Rarität auf DVD erhältlich, „Profit Motive and the Whispering Wind“ dagegen bei Mailorder-Vertieben in den USA ganz normal lieferbar.

Advertisements

Miss Mend – ein Sowjet-Serial

23. November 2009

Im Dezember erscheint das sowjetische Stummfilmserial „Miss Mend“ von 1926 bei Flicker Alley auf DVD. Die drei Profis David Shepard von Blackhawk Films, Jefferey Masino von Flicker Alley und Eric Lange von Lobster Film haben mit der Restaurierung dieses 4 1/2 stündigen Films wieder einen großen Coup gelandet.

Damit wird ein weiteres Werk der privaten Gesellschaft Meschrapom zugänglich, die Willi Münzenbergs Internationaler Arbeiterhilfe gehörte und die durch eine gewisse Unabhängigkeit künstlerisch interessante Filme produzieren konnte – kein Wunder also, dass auch dieser Film wieder die Kritik der Betonköpfe in der Sowjetunion erntete:

„Flicker Alley, in collaboration with Blackhawk Films and Turner Classic Movies, is proud to present the astonishing Miss Mend, a 1926 three-part serial / adventure film from Soviet directors Boris Barnet and Fedor Ozep.
Widely regarded by the official Soviet press of the time as a prime example of shameless “Western-style” entertainment, the serial was nevertheless hugely popular, becoming one of the most successful Soviet films of the 1920s. Miss Mend is an energetic, fast-moving serial which opens a window on the phenomenon of Soviet Americanism and reveals a little-known side of early Soviet cinema. This new edition was mastered in high definition from superb original 35mm elements produced by David Shepard and Jeffery Masino, with digital restoration and editing being carried out by Eric Lange of Lobster Films, Paris. Featuring a “dream cast” of 1920s Soviet films stars and special bonus features by film historians Ana Olenina and Maxim Pozdorovkin.“ (Flicker Alley)

Mit dieser Edition wird auch dem bei uns wenig bekannten Regisseur Boris Barnet ein Denkmal gesetzt:

„Der Boxer, Schauspieler und Filmregisseur Boris Barnet (1902 – 1965) zählt zu den großen Meistern des russischen Kinos, doch sein Name und sein Werk gelten im Westen immer noch als Geheimtipp. Sein bevorzugter, zwischen Satire und Lyrik schwankender, Stil hat Vergleiche mit Lubitsch, Hawks und Tschechow nicht zu scheuen. Dies trifft den ganz eigenen, manchmal exzentrischen Ton seines Werks aber nur zum Teil, denn wie kein anderer umgibt er so genannte Alltagsstoffe mit emphatischem Witz, mit Schönheit und Charme. Dazu schuf er Charaktere, die diese Welt mit einer unerklärlichen Eleganz durchqueren. Boris Barnets traumwandlerisches und populäres Kino passte nicht zur sowjetischen Doktrin der 30er Jahre. Er wurde politisch diskreditiert und konnte seine folgenden Projekte zumeist nur unter Mühen und großem diplomatischen Aufwand realisieren. Obwohl solch herausragende Filme wie „Goldener Sommer“ (1951), „Aljonka“ (1961) oder „Heldentaten eines Kundschafters“ zu Kassenschlagern wurden, war Barnet selbst von seinem Scheitern überzeugt – und beging 1965 Selbstmord.“ (Arte TV)

Der andere Regisseur des Films, Fedor Ozep, war eine zentrale Figur bei Meschrapom-Rus. Nachdem er als Drehbuchautor zu einigen bedeutenden Filmen der Gesellschaft beigetragen hatte, war „Miss Mend“ seine erste Regiearbeit.


Willy-Haas-Preis 2009

17. November 2009

Auf dem Festival des deutschen Filmerbes Cinefest in Hamburg wird dieses Jahr wieder der Willy-Haas-Preis für eine bedeutende Publikation zum deutschsprachigen Film vergeben. In der Kategorie DVD sind nominiert:

film & kunst GmbH. Edition Filmmuseum 39. Filmmuseum München, Bundesarchiv-Filmarchiv, ZDF/Arte.
Neben den zwei wichtigsten Filmen Ruttmanns enthält die Edition auch seine Farb- und Musikexperimente 1921-31. Der ROM-Bereich ermöglicht den Zugriff auf zeitgenössische Artikel, Veröffentlichungen und Quellen. Dies Material bietet einen neuen Zugang zum frühen Werk Ruttmanns.

film & kunst GmbH. Edition Filmmuseum 41. Filmmuseum München, Goethe-Institut München.
Der Klassiker des expressionistischen Kinos wurde gleich nach der Premiere verstümmelt und vergessen. Das Filmmuseum München hat Reinerts Film umfangreich restauriert; die Musikbegleitung stammt von Joachim Bärenz. Die DVD liefert außerdem Bonusmaterial wie den Szenenvergleich verschiedener erhaltener Fassungen, Plakate und Fotos und dokumentarische Aufnahmen der Münchener Räterepublik. Die Broschüre erläutert die Restaurierung und gibt eine historische Einordnung des Films.

Kinowelt
Der Filmverlag der Autoren war der wichtige Verleih und Produzent für den Neuen Deutschen Film. Es ist ein ambitioniertes Projekt, 50 seiner Filme zu veröffentlichen, davon fast die Hälfte als Erstveröffentlichung. So wird ein bedeutendes Kapitel deutscher Filmgeschichte verfügbar.

Filmarchiv Austria (Film + Text 10) + Buch: Armin Loacker (Hg.): Wien, die Inflation und das Elend. Essays und Materialien zum Stummfilm Die freudlose Gasse.
Das Filmarchiv Austria überzeugt seit langem mit seinen sehr sorgfältig editierten Ausgaben von DVDs und Begleitbüchern. Die Edition von G. W. Pabsts Stummfilmklassiker ist eine Annäherung an das vielfach durch die Zensur verstümmelte Original. Sie besticht durch die technische Qualität der viragierten Fassung und überrascht durch ihre experimentelle Vertonung. Das Begleitbuch vertieft die Analyse des Films aus verschiedenen Perspektiven und bietet eine Grundlage für eine ernsthafte Auseinandersetzung mit dem Film.

absolutMedien
Harun Farocki gehört – auch international – zu den anerkanntesten deutschen Dokumentaristen der letzten Jahrzehnte. Diese Edition veröffentlicht 20 seiner wichtigsten Werke und ermöglicht endlich eine intensive Auseinandersetzung mit seinen oft provokativen Filmen, für die er einen spezifischen essayistischen Stil entwickelt hat. (Cinefest)

Der Sieger wird morgen zur Eröffnung des Kongresses bekannt gegeben. Es ist kein Zufall, dass zweimal das deutsche Spitzenlabel Edition Filmmuseum vertreten ist, neben den anderen deutschen Topverlegern Absolut Medien und Kinowelt – Arthaus, dazu aus Österreich das ehrgeizige Filmarchiv Austria.

Doch ebenso bedeutend wie diese nominierten Filme ist die DVD, die zum Kongressthema „Schatten des Krieges“ erscheint. Sie wird nämlich „Liebe 47“ von Wolfgang Liebeneiner nach dem Stück „Draußen vor der Tür“ von Wolfgang Borchert enthalten.

Dieser häufig gesuchte Film ist damit zum ersten Mal auf dem Videomarkt zugänglich.

 

Nachtrag vom 20.11.2009: Ausgewählt wurde Die freudlose Gasse.  („Ostholstein“)


The Betrayal – Nerakhoon

13. November 2009

Einer der herausragenden Dokumentarfilme des letzten Jahres ist wieder auf DVD lieferbar: „The Betrayal (Nerakhoon)“ (Berlinale PDF), die erste Regiearbeit von Kamerafrau Ellen Kuras und Thavisouk Phrasavath, ein Werk von großer visueller Kraft, das über 23 Jahre gedreht wurde. Es beschreibt die Odyssee einer Familie aus dem Krieg in Laos in den Krieg der Ghettos von New York:

„Made in collaboration with Thavisouk Phrasavath, a Laotian-born writer and film editor, „The Betrayal (Nerakhoon)“ could be described as a family documentary. But that phrase doesn’t do this beautiful picture justice, in a variety of ways. Over the course of its 96 minutes, „The Betrayal“ does indeed tell the story of how 12-year-old Phravasath escaped from Laos in 1979 — by swimming across the Mekong River to Thailand — and eventually brought his mother and seven of his nine siblings with him to an ambiguous new life in New York.

Instead of the paradisiacal land of enormous lawns they’d been expecting to see in America, the Phravasath family found themselves in a filthy, overcrowded neighborhood of Brooklyn, N.Y., terrorized by crack addicts and gang members. Phravasath remembers thinking, when he first saw Flatbush Avenue, that they must have boarded the wrong plane and arrived on the wrong continent. His mother, in many ways the dominant figure in the film, insists that if she’d known what America was really like, she’d have stayed at home, even under the impoverishment and tyranny of Laos‘ 1980s communist regime.“ (Andrew O’Hehir: Strangers in a Strange Land, salon.com)



Tie Xi Qu: West of the Tracks

6. November 2009

Das nahezu 10- stündige Dokumentarepos über den Niedergang einer Schwerindustrieregion in China ist jetzt in der Reihe der Tiger Releases für November 2009 angekündigt. Tie Xi Qu: West of the Tracks (Tiexi- Distrikt – 1. Teil) stellt das Schicksal dreier Fabriken und die mit ihnen verbundenen Arbeiterschicksale vor. Bing Wang dokumentiert eindringlich, mit welcher Gewalt gegen die betroffenen Menschen der wirtschaftliche Umwandlungsprozess in China einhergeht:

„Ein Jahrhundert-Unternehmen, vielleicht der bisher beste Dokumentarfilm über Arbeiten und Leben im Industriezeitalter, ist Wang Bings Film „Tiexi District“. Fünf Stunden lang filmt der Autor den Alltag in der chinesischen Schwerindustriestadt Tiexi. Er folgt den Arbeitern in die Höllenschlünde der rostigen, permanent von Unfällen lahm gelegten Hochöfen. Er begleitet die Arbeiter frühmorgens in den Schichtdienst, bis in die Waschräume und nach Hause zu ihren Familien. Er zeigt den Niedergang der Stahlregion, die Schließung und den Verfall der Fabriken. Einmal, beim Frühstück, erfährt man nebenbei, dass allein in Tiexi zehntausend Menschen ihre Arbeit verloren haben. […]Vielleicht ist der chinesische Film zurzeit so ungemein lebendig, weil er permanent von verschwindenden Lebensweisen, aber auch von neuen Versprechungen und Identitäten erzählt. Womöglich filmt und dokumentiert man anders, einfach existenzieller, wenn ein Land von den Zeitläuften überrollt wird und Kinomachen buchstäblich ein Akt des Festhaltens ist. […] (Katja Nicodemus, „Suchende vor dem Objektiv„, in: Die Zeit Nr. 25 vom 16. Juni 2005)

In Deutschland ist der Film allerdings noch nicht vollständig gelaufen. Über den letzten, erschütterndsten Teil schreibt die New York Times:

„Narrowing his focus from a stricken community to one small family, Mr. Wang uses his third and most heartbreaking segment, “Rails,” to tell the story of Du Xiyun and his teenage son Du Yang. Unemployed scavengers whose survival depends on the old freight railway that transports raw materials to the factories, One-Eyed Du, as he’s affectionately called by the railway workers, steals scraps of coal and anything else he can sell. “I have connections,” he asserts pitifully, explaining how until now he has avoided jail — a streak of luck that will finally run out and precipitate the film’s most devastatingly raw sequence. “There aren’t many people who’d be willing to live the way we do,” he says matter of factly, and it’s hard to disagree.

Capturing moments both large and small — a blast-furnace “mishap,” a plaintive song on the radio asking “Baby, aren’t you tired of this yet?” — this profoundly empathetic and humanist work bears witness to a vanished way of life and the real cost of progress. “Get this place on film now, because it won’t be around much longer,” advises one of Mr. Wang’s stoic factory workers. Luckily for us, he did.“ (JEANNETTE CATSOULIS: Casualties of China’s Transformed Economy. In: New York Times, April 18, 2007)

De Filmfreak Distributie in den Niederlanden hat in der Presseerklärung vom 5.11.2009 englische Untertitel für diese Edition angekündigt. Auf der Website ist allerdings keine Rede mehr davon. Das würde dieses bedeutende Werk leider genauso unzugänglich machen wie die französische Ausgabe von MK2.

Nachtrag vom 9.11.2009: Gute Nachrichten von der DVDBeaver-Liste DVDBeaver@yahoogroups.com! Wie Ruth Timmermans von De Filmfreak Distributie bestätigt hat, wird der vollständige Film auf 4 DVDs mit englischen Untertiteln am 23. November in den Niederlanden erscheinen, bestellbar bei den üblichen Mailorder-Shops, z. B. bei bol.com.