Jan Distelmeyer: Das flexible Kino

9. Januar 2012

Lange hat man auf ein Buch zur DVD von einem der scharfsinnigsten deutschen Denker in dieser Sache gewartet. Nun ist es vom Verlag angekündigt. Im März erscheint „Das flexible Kino – Ästhetik und Dispositiv der DVD & Blu-ray“ von Jan Distelmeyer bei Bertz+Fischer. Distelmeyer hatte bereits seine Habilitation zu diesem Thema verfasst (“ DVD als Dispositiv und deren Einordnung in den medienhistorischen wie medientechnologischen Diskurs“), auf der dieses Buch wohl basiert. Der Titel irritiert allerdings ein wenig, denn das Hybridmedium DVD, entstanden aus den drei Vorläufermedien Laserdisc, CD-DA und Video-CD in einem gemeinsamen Kraftakt von Film-, Unterhaltungselektronik- und Computerindustrie als Unversalmedium für Filme, kann man nicht auf das Kino reduzieren.

Hier noch einmal der Verlagstext zu diesem Buch, das man sich nicht entgehen lassen sollte:

„Die Einführung der DVD hat der Filmindustrie weltweit nicht nur neue Märkte gesichert, sondern auch radikale Veränderungen der Erscheinungs- und Rezeptionsformen von Film nach sich gezogen. DVD & Blu-ray bewegen sich mit ihren Möglichkeiten und Bedingungen in einem faszinierenden Spannungsfeld: Auf der einen Seite stehen medienhistorische Traditionen, etablierte Konzepte und Nutzungsweisen des Films, auf der anderen Seite der Komplex der Digitalisierung, zu dem sowohl neuere Medien wie z.B. Computerspiele als auch Prinzipien und Mythen um Flexibilität, Mobilität und Interaktivität zählen.

Ausgehend von der Geschichte der DVD verfolgt dieses Buch die diversen Features und Angebote und untersucht die filmhistorischen, technischen und soziokulturellen Hintergründe ihres Erfolges. Damit steht unweigerlich Grundsätzliches zur Diskussion: die Frage, was Film und was »das Digitale« eigentlich ausmacht. Film-, medien- und machttheoretische Fragen zum Dispositiv der DVD & Blu-ray führen zu spannenden Beziehungen zwischen Ästhetik, Technik, Kultur und neoliberaler Ökonomie – zum Film unter dem Druck der Flexibilisierung.

Als erste deutschsprachige Monografie zum Thema erscheint Das flexible Kino zum 15. Geburtstag der DVD im März 2012.“ (Bertz + Fischer)

Als Vorgeschmack auf das Buch hier ein älterer Aufsatz des Autors zum Thema: „Was die Disc vom Film weiß: Zwei oder drei Dinge zur DVD“.


Alice im Wunderland: Robert Harris contra Stephen Worth

21. März 2011

Disneys merkwürdige Auffassungen von Filmrestaurierung kann man im Home Theater Forum in der Kontroverse zwischen Robert Harris und Stephen Worth über die Farbgestaltung der Blu-ray-Ausgabe von Alice in Wonderland verfolgen. Disney versucht schon seit längerem, originale Fassungen an einen vermeintlichen Zeitgeschmack von Kindern und Jugendlichen anzupassen und dabei die Farben, das Bildformat und im Ausland auch die die Synchronisation zu verändern.

„A few words about…™ Walt Disney’s Alice in Wonderland — in Blu-ray“ ist eine spannende Debatte über die Grundsätze der Farbfilmrestaurierung bei Animationsfilmen.


Dave Kehr: Goodbye, DVD. Hello, Future

9. März 2011

Dave Kehr geht in seinem Artikel  „Goodbye, DVD. Hello, Future“ in der New York Times  vom letzten Freitag auf die Zukunft von DVD und Blu-ray ein. Die Überschrift wurde offenbar bewusst in Anlehnung an einen anderen Beitrag gewählt, der gerade die DVD als Medium des cinephilen Diskurses gegen das Kino verteidigt, nämlich Jonathan Rosenbaums „Goodbye Cinema, Hello Cinephilia“ (siehe auch das Buch dazu).

„The times they are changing“, um einmal Bob Dylan zu zitieren. Aber singt Dave Kehr nicht das hohe Lied der Medienkonzerne? Wenn wir einmal von DTO, dem auch sehr nachteiligen Download to Own-Verfahren absehen, heißt Filme online zu nutzen meist Streaming. Das funktioniert wie die kleine Box in Luis Buñuels Film Belle de Jour, mit der ein Freier die Damen im Bordell erschreckt und fasziniert. Streaming heißt, jedes Mal wenn man hineinsehen will, muss man zahlen. Das ist der Traum aller Rechteinhaber. Und wenn es ihnen gefällt, können sie das Kästchen für immer verschließen. Den Käufer eines Films schützt jedoch der „Erschöpfungsgrundsatz“. Ihm gehört das Medium mit dem Film.  Die Rechte des Urhebers an dem „Werkstück“ sind erloschen.

Im Blog von Dave Kehr läuft unter dem Titel „Back to the Future“ zur Zeit eine spannende Diskussion um die von ihm aufgeworfenen Fragen.


Apocalypse Now – Full Disclosure Edition

29. Juli 2010

Lionsgate und Coppolas Firma American Zootrope haben letzten Montag die Apocalypse Now Full Disclosure Edition auf Blu-ray für den 19. Oktober angekündigt. Die 3-Disc-Edition wird die Fassung von 1979, „Apocalypse Now Redux“ und neben 9 Stunden Zusatzmaterial auch die Dokumentation „Hearts of Darkness“ über die Dreharbeiten enthalten.

Versprochen sind restaurierte Fassungen der beiden Versionen, die Coppola selbst überwacht hat.  Sie werden nicht im Format 2 : 1 (Univisium)  erscheinen,  das der Kameramann des Films,  Vittorio Storaro entwickelt und bevorzugt hat, sondern in 2,35 : 1.  Immer wieder wurde an dem Film gearbeitet (Audio-Restaurierung vor ca. 10 Jahren).  Wie sich die großartige Dokumentation „Hearts of Darkness: A Filmmaker’s Apocalypse“ mit ihrem prekären Material auf Blu-ray machen wird, ist allerdings sehr die Frage.


La bataille du rail als Blu-ray

14. Juli 2010

Das INA in Frankreich hat den Resistance-Klassiker „La bataille du rail“ restauriert und auf DVD und Blu-ray mit englischen Untertiteln veröffentlicht. René Clements Film zählt zum nationalen Erbe Frankreichs. Er wurde als erster 1946 in Cannes prämiert und  kehrte in diesem Jahr in restaurierter Fassung auf das Festival zurück. Auch heute noch besticht er durch die Kameraarbeit von Henri Alekan, die Musik jedoch ist gewöhnungsbedürftig.

„Gedreht im Herbst 1945 nach authentischen Ereignissen, schildert der Film, wie die Eisenbahner die Transporte der Deutschen durch Frankreich sabotieren, wie sie Widerstandskämpfer verstecken und geheime Informationen sammeln. Die Vergeltungsmaßnahmen der Deutschen sind furchtbar. Den dramatischen Höhepunkt bildet der Überfall auf einen deutschen Panzerzug, der auf dem Weg zur Westfront ist. Hier greift alles ineinander – wie eine Maschine, die sich aus zahllosen Einzelteilen zusammensetzt, aus Namenlosen, die gemeinsam eine unzerstörbare Kraft bilden. Diese Geschichte kennt keine Stars, und so arbeiten René Clément und sein genialer Kameramann Henri Alekan auch vor allem mit Laien und drehen an Originalschauplätzen. Ihr Film bedient sich einer dokumentarischen Erzählweise und atmet den Geist des Neorealismus. Er verbindet Nüchternheit und Pathos, Wahrhaftigkeit und Spannung. „Ja, es sind diese tausend Details, die so bewundernswert in die Handlung integriert sind, die der Bataille du rail ihren großartigen Charakter verleihen und verhindern, dass der Film den vielen Résistance-Erzählungen gleicht, die sie uns alle kategorisch in den Farben von Glanzbildchen malen.“ (Les Nouvelles littéraires, 7.3.1946)“ (Deutsches Historisches Museum)

Das INA hat ein umfangreiches Pressedossier (PDF auf Französisch) zur Restaurierung und zu den DVD- und Blu-ray-Ausgaben veröffentlicht. „La bataille du rail“ ist bisher der älteste auf Blu-ray veröffentlichte französische Film. Die Edition wird mit ihren  zahlreichen Extras der Bedeutung dieses Films gerecht:

La bataille du rail : du réalisme au légendaire (2010) – 33min
Présentation du film par Sylvie Lindeperg, historienne, auteur des Ecrans de l’ombre, la seconde guerre mondiale dans le cinéma français (1944-1969)

Ceux du rail de René Clément (1943) – 16min
Dans ce court métrage, inédit depuis 1944, René Clément retrace les 24 heures de la vie d’un chauffeur de locomotive et d’un mécanicien sur la ligne Marseille-Nice.

Entretien avec Henri Alekan (1986) – 7min
Extrait de Alekan la mémoire ou des histoires de cinéma de Michel Dumoulin, portrait du chef opérateur de La bataille du rail et de Ceux du rail.

Un cheminot parmi les autres (1945) – 2min30
Sujet des Actualités françaises sur les obsèques de Piere Sémart, cheminot résistant.

Les dossiers de l’écran
(1969) – 1h33
Une émission de Guy Labourasse, présentée par Alain Jérome
Autour de La bataille du rail, débat et témoignages des grandes figures de la Résistance ferroviaire.


Metropolis auf DVD und Blu ray

22. Februar 2010

Es ist sicherlich bemerkenswert, dass der eigentliche Höhepunkt der Berlinale ein alter Film aus den Zwanziger Jahren war.  Und wie kaum ein zweiter passte er perfekt in diese Stadt, in der er vor 83 Jahren uraufgeführt worden war, eine Stadt, die damals allerdings noch ganz anders aussah, also bevor die Bomben fielen.

Die restaurierte Ur-Fassung von „Metropolis“ ist erlebbare, nachfühlbare deutsche Mentalitätsgeschichte. Sie drückt authentisch die Gefühlswelt eines Landes aus zwischen dem Untergang eines hochindustrialisierten Ständestaats, dem Kaiserreich – „die Goldene Zeit“, wie meine Großmutter sie immer nannte – und der heraufziehenden totalitären Volksgemeinschaft eines modernisierten Dritten Reichs. Das Herz, so stellte sich bald heraus, sollte Hitler heißen und auch die Unterstadt wurde Wirklichkeit. Albert Speer schuf nicht nur “herrliche” Bauten wie in den “Ewigen Gärten” von „Metropolis“ , sondern auch Dora Mittelbau. Was einem während des Films durch den Kopf ging, hat Christina Tillmann im Tagesspiegel ganz gut zusammengefasst (Monster der Moderne. In: Tagesspiegel vom 13.02.2010).

Das neu aufgefundene Material konnte nur unter großen Schwierigkeiten in einen passablen Zustand versetzt werden (siehe dazu Heise online) . Die Firma Alpha Omega in München musste dafür eine spezielle Software entwickeln. Für den Hauptteil des Filmmaterials hat man auf die Restaurierung von 2001 zurückgegriffen  (siehe dazu die Infos bei Alpha Omega: Metropolis 2K).

Nachtrag vom 5.3.2010: Die Firma Scientific Media, die für graphische Arbeiten bei der Restaurierung verantwortlich war (Stabilisierung/DeWarping, Inserts DE/EN, Grain Management), hat einige Beispiele ihrer Arbeit ins Netz gestellt (Showroom).

Inzwischen laufen die Vorbereitungen für die DVD- und Blu ray-Ausgaben in Deutschland und den USA auf Hochtouren.

  • Die deutsche  DVD-Ausgabe soll im November 2010 erscheinen.  Dafür wird im Juni die Musik in einer Studioproduktion eingespielt werden,  wieder unter Leitung von Frank Strobel.  Er hat auch die Blu ray-Ausgabe bestätigt (siehe „Soundtrack: Mission Metropolis“. Interview mit Frank Strobel im Rheinischen Merkur). Was dieses Format mit seiner Auflösung für das orthochromatische Filmmaterial der Stummfilmzeit leisten kann, wird alle in Erstaunen versetzen – zumal, wie man hört, durch den hohen Zeitdruck zur Berlinale als provisorische Fassung nur eine DigiBeta vorgeführt werden konnte. Die Gradation der endgültigen Kopie wird nach einer sorgfältigen Ausbelichtung noch besser sein (Nachtrag vom 1.3.2010).  Als Extra wird sicherlich der Film von Artem Demenok „Die Reise nach Metropolis“ enthalten sein.
  • In Großbritannien werden DVD und Blu ray bei Eureka in der Reihe Masters of Cinema erscheinen: „MoC METROPOLIS BD will be released before Xmas. We’re coordinating with the other major licencees (Kino, MK2) etc for a simultaneous release — and it’s looking like sometime in October or November. At this stage, our BD will be Region B.“ (peerpee im criterionforum, 17.2.2010)
  • In Frankreich erscheint „Metropolis“ bei MK2 (alte DVD).

Die Ausgaben in den verschiedenen Ländern werden sich sicherlich durch ihre Extras unterscheiden.  So wird sich eine Fülle von Sichtweisen auf diesen Film ergeben – wenn nicht überall nur das Masterband von Transit übernommen und lediglich mit Untertiteln versehen wird.


Kommunale Kinos und Digitalisierung

16. Januar 2010

In der Zeitschrift Recherche Film und Fernsehen ist in der Ausgabe 5/ 2009 zum Thema „Filmarchive und Digitalisierung“ ein sehr lesenswerter Artikel von Stefan Drößler erschienen, der auch die renommierte DVD-Reihe Edition Filmmuseum betreut. Unter dem Titel „Kommunale Kinos und Digitalisierung – Gedanken über die Zukunft kultureller Filmabeit“ gibt er einen kurzen Überblick über die Geschichte der Kommunalen Kinos in Deutschland seit 1963 und geht dann detailliert auf die Filmressourcen und die technischen Voraussetzungen für eine kulturelle Filmarbeit ein. Im Zeitalter der Digitalisierung erweist sich für ihn die Nutzung von DVD und Blu ray mit der ganzen Fülle des weltweiten Home Video-Markts für eine solche Arbeit als unabdingbar:

„Viel wichtiger als die verschlüsselte DCI-Technik selbst wird für die Spielstätten vermutlich etwas anderes sein: Der zweite Eingang zum Hochleistungsprojektor, über den mittels eines Scalers die diversen minderwertigen digitalen Formate interpoliert werden. Eine Blu ray oder Digibeta, machmal sogar schon eine gute DVD können auf der Leinwand Ergebnisse liefern, welche die einer 16 mm-Kopie oder einer mäßigen 35mm-Kopie leicht übertreffen. [siehe dazu auch „Scheibe statt Rolle“ von Ja-Keno Janssen. c’t 25/2009]

… Und tatsächlich tun sich heute ungeahnte Chancen auf: Jedes Kino kann sich heute eine eigene Filmsammlung mit digitalen Kopien anlegen [zur Vorführung selbstverständlich mit entsprechender Rechteklärung für nichtkommerzielle Zwecke]… Wir können heute problemlos Vorträge mit Filmausschnitten zusammenstellen und einzelne Sequenzen analysieren… die Möglichkeiten, die heute zur Verfügung stehen, sind so vielfältig, wie es sich die Pioniere der kommunalen Kino-Bewegung nicht haben träumen lassen. „

Wie sehr Stefan Drößler mit seinen Gedanken auf den Punkt trifft, zeigen heute schon vollentwickelte Modelle einer neuen Form von kultureller Filmarbeit wie das jüngst eröffnete Forum des Images in Paris. Die rechtlichen Möglichkeiten im Rahmen gemeinnütziger Einrichtungen sind nämlich viel weiter gesteckt, als mancher glaubt:

„Viel unvoreingenommener als Kommunale Kinos sind in den letzten Jahren andere Einrichtungen mit den Vorteilen der digitalen Techniken umgegangen. Stadtbüchereien haben DVD-Sammlungen angelegt [wie z . B. die ZLB in Berlin] …“ (Stefan Drößler: „Kommunale Kinos und Digitalisierung – Gedanken über die Zukunft kultureller Filmabeit“)

So könnten Kommunale Kinos ohne weiteres selbst DVD-und Blu ray-Sammlungen aufbauen und diese an Privatpersonen ausleihen. Auch Sichtungsmöglichkeiten in voll ausgestatteten Einpersonenkinos sind rechtlich erlaubt, da es sich nicht um eine öffentliche Vorführung handelt.  Eine Vorführung dieser Discs im Kommunalen Kino selbst wäre dann möglich, wenn für den jeweiligen Titel beim Rechteinhaber die Genehmigung zur nichtgewerblichen öffentlichen Vorführung eingeholt und bezahlt würde. Es gibt inzwischen die ersten Firmen, die keine Kopien mehr, sondern nur noch Vorführlizenzen anbieten.