Polen restauriert Filmerbe für den Blu ray-Markt

22. Oktober 2009

Wie gestern bekannt wurde, startet in Polen ein digitales Restaurierungsprojekt von bedeutenden Werken der nationalen Kinematographie. Die neuen digitalen Fassungen sollen als Blu ray und über HD-Fernsehkanäle verbreitet werden. Die ersten Titel werden neben der Ikone der Polnischen Filmschule „Asche und Diamant“ „Austeria“, „Pociag“, „Rekopis znaleziony w Saragossie“, „Sanatorium pod Klepsydra“ und „Krzyzacy“ sein [Links zu DVD-Ausgaben mit engl. Untertiteln]:

„A new digital restoration project of cinema classics has been announced in Poland. The restoration will be made with the highest possible accuracy, frame by frame from original negatives, with resolution 2K or better. The movies will be restored with approximate frequency one per month and will be released later on BluRay.“ (kloczkow@yahoo.com, DVDBeaver-list)

Dies dürfte eines der ersten Restaurierungsprojekte sein, die High Definition-Medien für die Vermittlung nationaler Filmkultur einsetzen wollen. Das Programm soll von 2009 bis 2020 (!) laufen, wenn wir den Text richtig gedeutet haben:

„Dlatego też specjalna seria arcydzieł polskiego kina ukaże się na płytach blu-ray, a później zostanie pokazana przez kanały telewizji HD. Wyróżnikiem projektu jest wysoka jakość, stąd rezygnujemy z nośników takich jak płyty dvd, które nie mogą jej zapewnić.“ (pdf – Projektbeschreibung)

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Die neuen Realisten kommen: Ramin Bahrani und andere …

21. Oktober 2009

Franz Everschor schreibt im heute erschienenen Film-Dienst über den Neo-Neorealismus in den USA:

„Es ist kein neues Phänomen, dass viele der unkonventionellsten amerikanischen Filme in Deutschland entweder gar nicht oder um Jahre verspätet herausgebracht werden. Betroffen vom Desinteresse der deutschen Verleiher, Fernsehredaktionen und DVD-Distributoren sind vor allem jene unabhängig produzierten Filme, die von Moden und Trends unberührt sind, die sich dem Tempo der Zeit widersetzen und deren Intimität sie vom Gros des Kinoangebots unterscheidet. Kelly Reichardts „Old Joy“, einer der spartanischsten und gleichzeitig schönsten Filme des letzten Jahrzehnts, erreichte Deutschland erst mit zweijähriger Verspätung. Auch ihr auf unzähligen Festivals herumgereichter Film „Wendy and Lucy“ musste lange warten, bis er nun endlich in deutschen Kinos anläuft (Kritik in dieser Ausgabe). Courtney Hunts „Frozen River“, der in den USA wegen seines aktuellen Themas des Schmuggels illegaler Einwanderer an der amerikanisch-kanadischen Grenze relativ viel Beachtung fand, taucht auf der deutschen Startliste bis heute nicht auf. Ähnlich ergeht es Jake Mahaffys „Wellness“, Lance Hammers „Ballast“ und zahlreichen anderen Filmen, die für ernsthaft interessierte Filmfans eigentlich obligatorisch sein sollten.“ (Franz Everschor: Ein Neorealist unserer Zeit: Plädoyer für den Filmemacher Ramin Bahrani. In: Film-Dienst Nr. 22, 2009)

Als Profiliertesten dieser neuen Richtung von Filmemachern, die sich der gesellschaftlichen Wirklichkeit in den USA zuwenden, sieht Everschor Ramin Bahrani – und er ist nicht der einzige mit dieser Meinung:

„Als Ramin Bahranis jüngster Film „Goodbye Solo“ Anfang dieses Jahres in den USA anlief, versah ihn Roger Ebert, der nach wie vor Amerikas einflussreichster Kritiker ist, mit einer ganz ungewöhnlichen Empfehlung. „Wo auch immer Du lebst“, schrieb Ebert, „wenn dieser Film läuft, wird er der beste in der ganzen Stadt sein.“ Dasselbe lässt sich mit gutem Recht über die anderen Bahrani-Filme „Man Push Cart“ und „Chop Shop“ sagen. “ (dito)

Die neue Kolumne „Aus Hollywood: Ein Neorealist unserer Zeit“ von Franz Everschor steht kostenlos im Netz. Die genannten Filme sind bis auf „Wellness“ in den USA als DVD lieferbar, „Frozen River“ und „Ballast“ auch als Blu ray, und in Großbritannien gibt es „Wendy and Lucy“ und „Frozen River“ als DVD mit Regionalcode 2.


Isild Le Besco: Demi-Tarif

16. Oktober 2009

Bei Tamasa in Frankreich ist der langgesuchte Film „Demi-Tarif“ (deutsch) von Isild le Besco als DVD mit deutschen Untertiteln erschienen.

Es ist ein prototypischer Film über Kindheit, eine Kindheit ohne Zensuren, Vorschriften, Stundenpläne, Messungen der Intelligenz u. ä., also ohne Erwachsene – wenn Kinder unter sich sind. Ekkehard Knörer schreibt dazu:

“ Was man sieht, Szenen einer Kindheit: Spiele, Schminken, Streiche, Diebstahl. Wir stahlen, wir stahlen, wir stahlen, sagt die Stimme. Die Handkamera zeigt, ist dabei, ist in einem fortwährenden Zustand des Dabeiseins, als gäbe es keine Bilder, als wären die Bilder, die sie zeigt, keine Bilder, sondern das Leben selbst, dieser Traum von einer Vergangenheit, den die Stimme beschwört. Zuhause, draußen, immer die drei. Der Blick der Kamera – gäbe es einen – ist der unbedingter Komplizenschaft, mittendrin, hinterher, sie folgt überallhin, ins Bett, aufs Klo, ins Büro der Lehrerin, die nach den Läusen fragt und was dagegen zu tun ist. Die Welt der Erwachsenen ist eine andere Welt, in die die Kamera mit den Kindern eindringt, die sie mit ihnen wieder verlässt. Auch eine Sache der Moral: Was über dieses hier beschworene Leben, dieses Glück der Anarchie zu denken wäre, darüber nur irgend zu rechten, ist nicht Sache des Films. Die einzige Instanz, die er kennt, ist die Stimme, die hier beschwörend erzählt: Wir liebten uns, wir stritten uns. Die Kindheit, ein Schmerz, aber es ist nicht zu sagen, wo es weh tut.“ (Jump Cut-Magazin: Isild Le Besco: Demi-Tarif )

Für Chris Marker war der Film ein Zeichen für den Beginn einer neuen Welle, so wie damals mit „À bout de souffle“:

„… I must go back to a moment in my life. The very moment I saw Breathless for the first time. As it is not a comparison „movie to movie“ I had in mind, but a comparison „moment to moment“ . I can still see us on the sidewalk of the avenue Mac-Mahon, it was the end of the day, Agnès Varda was there, with Paul Paviot, and when later we compared our memories, what had struck us was to hear ourselves talking faster and louder than usual, as if something had just happened to us like a kind of urgency, a message to send out immediately. The message approximately was “ whatever it is, this we“‚ ve just seen, we had never seen it before on a screen „. Since then I had admired many magnificent, moving, innovating movies, but that physical sense of freshness and urgency, I had never felt that again until HALF-PRICE.“ (Chris Marker)

… also ein Film, den man sich nicht entgehen lassen sollte. Isild Le Besco hat das Drehbuch schon mit 16 Jahren geschrieben. Weil ein interessierter Produzent ihr nicht die Regie anvertrauen wollte, hat sie das Projekt später selbst in Hand genommen.

Ihr erster langer Spielfilm „Charly“ soll demnächst auch bei Tamasa auf DVD erscheinen (Kritik von Ekkehard Knörer: „Charly“ ist emotional und erzählerisch auf Millimeterpapier gearbeitet; die Souveränität, mit der die Regisseurin konsequent auf der Sprödigkeit ihrer Figuren beharrt, ist wirklich atemberaubend.).


Schwarzweiss auf Blu ray

14. Oktober 2009

Das Home Media Magazine in den USA preist in einem kurzen Artikel Schwarzweiß-Filme auf Blu ray. In “ Black & White on Blu“ feiert Chris Tribbey die feine Abstufung der Grauwerte und die ungewöhnliche Schärfe von restaurierten Schwarzweiß-Filmen auf Blu ray. Die meisten kennen diesen Filme nur aus dem Fernsehen und hatten nie Gelegenheit, frisch gezogene Kopien auf Festivals zu sehen. Erst auf Blu ray kann sich jetzt die Kunst der Kameramänner dieser Werke vor aller Augen entfalten. Wir hatten hier schon auf Henri Alekans Arbeit „Der Himmel über Berlin“ der Criterion Collection hingewiesen, die die anerkannt besten Digitalisierungen von Schwarzweiss-Filmen auf Blu ray hergestellt hat. Inzwischen sind aber weitere hervorragende Digitalisierungsarbeiten erschienen:

„… experts agree that Blu-ray presents the first opportunity to show the best of black-and-white films in the home, especially older fare. Warner Home Video has done Casablanca [Ultimate Edition], and Paramount Home Entertainment put both black-and-white and color versions of It’s A Wonderful Life in its Nov. 3 release [USA]. Sony Pictures Home Entertainment gave Dr. Strangelove special Blu-ray treatment, and 20th Century Fox Home Entertainment did the same with Young Frankenstein [US-Version mit deutschem Ton]. Criterion has worked magic on a number of black-and-white classics, including The Seventh Seal, The 400 Blows, Last Year at Marienbad and The Third Man [alle USA].“ ( “ Black & White on Blu“)

Allerdings kommen solche Blu ray-Versionen erst richtig zur Geltung, wenn kein Restlicht die Projektion verfälscht, also in dunklen, am besten ganz schwarz gestrichenen Räumen, wie sie der Schreiber dieser Zeilen in einer Bibliothek eingerichtet hat (noch ohne Blu ray-Projektion).