La Rabbia – Der Zorn

21. Juli 2009

Ein seltener Film von Pier Paolo Pasolini ist in Italien nun endlich auf DVD mit englischen Untertiteln zugänglich. „La Rabbia“ war bisher nur bei MK2 („La rage“, italienisch mit franz. Untertiteln) oder früher als VHS in Argentinien bei Blakman (italienisch mit span. Untertiteln) erhältlich.

„Mein Ehrgeiz war die Erfindung eines neuen Genres: ein Film als ideologisch-poetischer Essay…“ , das war die erklärte Absicht Pasolinis mit diesem Werk:

„La Rabbia“ nimmt nicht nur wegen des politischen Skandals von Pasolinis „Naivität“, welche die gesamte Linke gegen ihn aufbrachte, eine besondere Stellung in seinem Oeuvre ein.

Aus 90.000 Metern Wochenschaumaterial („fürchterlich banal und völlig reaktionär“) hat er die Bilder seines fünfzigminuetigen Filmes ausgewählt. Diese Wochenschausequenzen, die am stärksten seinen Montagezugriff in jener Sequenz spüren lassen, die dem Tod Marilyn Monroes gewidmet sind („das einzige, was es wert wäre, es zu erhalten“), ist ein teils pathetischer, teils elegischer Text des Lyrikers Pasolini unterlegt, der von Giorgio Bassani (Die Gärten der Finzi-Contini) und dem Maler Renato Guttuso gesprochen wird.

„Die Welt als Scherbenhaufen“ (H. M. Enzensberger über Ästhetik und Politik der Wochenschau), welche Pasolini in „La Rabbia“ mosaikartig aufschichtet, bietet die Erscheinung eines gärenden Bilderstroms von Flucht, Elend, Tortur, Mord und Tanz auf einem Vulkan. Es sind eruptive Protuberanzen eines komplexen Prozesses: der Hunger der Dritten Welt, ihr Kampf mit dem Kolonialismus, der Rassismus und Lynchjustiz, der Antikommunismus, den Pasolini später „Konsumismus“ nennen wird. “ (aus: Pier Paolo Pasolini, Hanser Reihe Film 12. Werkleitz)

Bei „La Rabbia“ kommt einem spontan ein ähnlich angelegter Film in den Sinn, ebenfalls auf Wochenschaumaterial basierend: „Der gewöhnliche Faschismus“ vom Michail Romm.

„La Rabbia“ löste bei seiner Erstaufführung einen massiven Protest italienischer Schriftsteller und Intellektueller aus, darunter Alberto Moravia. Der Produzent Gastone Ferranti war mit den politisch-gesellschaftskritischen Aussagen Pasolinis unzufrieden gewesen und hatte den „Don Camillo und Peppone“-Autor Giovanni Guareschi einen zweiten Teil des Films anfügen lassen, dem faschistisches Gedankengut vorgeworfen wurde. Die zweiteilige Version des Films wurde daraufhin vom Produzenten selbst aus dem Verleih genommen (nach 3Sat).

Raro-Video hat 2 DVDs herausgebracht, die restaurierte zweiteilige Fassung mit den beiden Filmen von Pasolini und Guareschi (1963) und eine Rekonstruktion des Films von Pasolini durch Giuseppe Bertolucci (2008):

„La Rabbia“

„La Rabbia‘ employs documentary footage (from the 1950’s) and accompanying commentary to attempt to answer the existential question: Why are our lives characterized by discontent, anguish, and fear? The film is in two completely separate parts, and the directors of these respective sections, left-wing Pier Paolo Pasolini and conservative Giovanni Guareschi, offer the viewer contrasting analyses of and prescriptions for modern society. “ (Raro Video)

„La Rabbia di Pasolini“
„The extended version of the original LA RABBIA of Pier Paolo Pasolini, with the touching reconstruction of unseen footage and critics originally created by The Poet and later cut in the version with Giovanni Guareschi theatrically released. “ (Raro Video)

Pasolini hatte seinen Filmteil auf 53 Minuten gekürzt, um Platz für Guareschi zu schaffen. Ähnlich wie man die originale Partitur der Filmmusik für die Rekonstruktion von Stummfilmen heranzieht, hat Bertolucci hier den ursprünglichen Kommentar von Pasolini, der schriftlich vorliegt, als Grundlage seiner Rekonstruktion genommen. Die neue Fassung ist 83 Minuten lang und besteht aus vier Teilen: Einer Einführung Bertoluccis (2 Min.), einer neuen Montage von Wochenschaumaterial passend zu Pasolinis Text (16 Min.), der restaurierten Version von 1963 (53 Min.), und einem Anhang mit dem Titel „L‘ aria del tempo“ (12 Min.).

Informationen:

Die beiden DVDs von Raro Video, „La Rabbia““ und „La Rabbia di Pasolini“ sind auf dem letzten Festival Il Cinema Ritrovato in Bologna in der Sektion “Best Rediscovery of Forgotten Films” ausgezeichnet worden:

“These two DVDs shed light on a film that had been sentenced to silence by ideological divisions and by doing so have brought a Pasolini project to life, when it would have otherwise remained on paper forever. ” (Il Cinema Ritrovato DVD Awards 2009)

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Israel und die besetzten Gebiete auf DVD

20. Juli 2009

Die amerikanische Filmzeitschrift Cineaste hat in einem ausführlichen Artikel einige Dokumentarfilme auf DVD vorgestellt, die sich mit den psychischen und gesellschaftlichen Folgen beschäftigen, die Besetzung und Abriegelung palästinensischer Gebiete für deren Einwohner und die Israelis selbst haben. Rebecca Romani betont in ihren Aufsatz „The Hazards of Occupation: Documentaries by and about Palestinians and Israelis in the Occupied Territories“ (Volltext im Web vorhanden), wie schwierig eine ausgewogene Darstellung bei diesem Thema ist:

“ The Israeli-Palestinian conflict is a classic „hot-potato“ issue, on which there are widely divergent, bitterly contested viewpoints, making nonfiction documentation of Israel’s occupation of the Gaza Strip and the West Bank an ideological minefield. Where do you go? Whom do you talk to, or against? Is it possible to achieve a „balanced“ presentation? Can one provide enough historical, social, and political context to make the key issues comprehensible for the average viewer?

Occupation, to paraphrase Portia from Shakespeare’s Merchant of Venice, is twice cursed. It curses those who enforce it as well as those under occupation. In the last forty-two years, it would seem no occupation has been more cursed than Israel’s venture in the Gaza Strip and the West Bank. It is an occupation that has involved not only Israeli society in the form of military service, but also Western societies, namely the U.S. through economic and military aid. In addition, the occupation has so divided parts of Israeli society itself as to rip it asunder.

Most tragically, it has driven the Palestinian population to its knees and reduced them to statistics, if not invisibility, in terms of U.S. media coverage. (Rebecca Romani in Cineaste)

Die Filme geben einen sinnlichen Eindruck von den individuellen Schicksalen, wie sie in der laufenden Berichterstattung nur selten vorkommen – am eindrücklichsten vielleicht in „Young Freud in Gaza“ über einen der wenigen Psychologen, die im Gaza-Streifen arbeiten (vgl. dazu auch das Interview mit dem palästinensischen Psychoanalytiker Gehad Mazarweh im gestrigen Tagesspiegel – „Ich bin ein Mann mit einem Mutterherzen“).

Die Filme im einzelnen:

Peace, Propaganda & the Promised Land – U.S. Media & the Israeli-Palestinian Conflict

Palestine Post 9/11

Checkpoint

To See If I‘ m Smiling (Lir’ot Im Ani Mehayechet)

On The Objection Front

Refuseniks

Palestine Blues

Young Freud in Gaza

Zu ergänzen wäre noch einer der bedeutendsten Filme zu diesem Thema: „Avenge but one of my two eyes“ (Nekam Achat Mishtey Eynay) von Avi Mograbi (arsenal), der mit Mitteln der staatlichen israelischen Filmförderung finanziert wurde – auf DVD bei Second Run in Großbritannien erschienen.


Film, Zuschauer und neue Medien

6. August 2008

Ein Hinweis aus dem Premium-Filmblog Green Cine Daily von David Hudson: Michael S. Newman macht sich in seinem Blog Zigzigger – On the Audiovisual & Beyond Gedanken über die Veränderung der Filmkultur durch repetitive Medien wie Video und vor allem DVD. Seine Thesen: Independent-Filme werden komplexer und erfordern ein mehrfaches Sehen. Neue, individuelle Medien verändern das Verhältnis des Zuschauers zum Film und lassen ihn aus seiner Zuschauerrolle heraustreten:

„I’ve been writing for the past few weeks about indie films that make prominent formal play or certain kinds of complexity that rewards repeated viewing. Many of these films are hard to understand in a fully satisfying way the first time through. They have scrambled temporal structures or ambiguous levels of subjective/objective narration. (These include Pulp Fiction, Mystery Train, Donnie Darko, The Limey, Memento, Primer, and The Nines.) Along the way I have had to consider that many of these films have attained cult status, and that the difficulty they present for first-time viewers might encourage audiences to form fandoms around these films that can organize knowledge about them, especially through the social networks of the web…

It strikes me that new media technologies have significant effects on the history of cult cinema. (I’m not sure how original my insights about this will be here, but they’re new to me, so I’m offering them up.) My basic point is that the availability of films to own on videotape, disc, or computer file marks a transformation in the way audiences engage with the film text, and that this transformation makes the cult mode of film experience much more typical, more available to more viewers and to more movies.“ (Notes on Cult Films and New Media Technology)

Michael S. Newman bezieht sich dabei auf David Bordwell („New Media and Old Storytelling“), der wiederum auf Jason Mitchells Blog Just TV verweist.

Bordwell: "The DVD made a movie more like a book".

sowie auf das Buch von Henry Jenkins „Convergence Culture – Where Old and New Media Collide“.


DVD als Filmmedium

31. Juli 2008

Von der britischen Zeitschrift „Covergence“ ist im letzten Jahr (Vol. 13, No. 2, May 2007) ein Sonderheft unter dem Titel „Special Issue: The Consumption and Use of DVDs [add-ons]“ erschienen. Untersucht werden die Besonderheiten des Mediums DVD gegenüber anderen Filmmedien, also die sog. Zusatzfeatures wie Kommentare oder verschiedene Sprachspuren und ihre Nutzung durch das Publikum. Herausgeber Pat Brereton gibt im Editorial einen Überblick:

„Several articles in this issue insinuate how the creation of fan cultures is becoming a global mainstream phenomenon somewhat paradoxically and marshalled by the industry to maximise consumption. DVDs certainly encourage such fan cultures alongside older terms like ‘cinephiles’ and ‘technophiles’ to promote a new digital logic of consumption. Drawing on a typology of new media pleasures (see Kerr et al. 2006), ‘control’ appears to be a defining characteristic of DVD usage and new media critics frequently theorise how this is negotiated in game/play environments. DVDs have become an appropriate technology for a new media-literate generation to apparently extend their home consumption control.“ (Pat Brereton)

Der Jahrgang 2007 ist leider nicht in den kostenlosen Nationallizenzen enthalten, da Sage-Zeitschriften nur bis 2006 erworben wurden.


Paul Otlet

12. März 2008

Paul Otlet (dt. / engl. Biographie) hat bereits in der analogen Welt der dreißiger Jahren das Internet mit seiner Hypertext-Struktur vorausgedacht. Er war ein Vorläufer solcher Pioniere wie Vannevar Bush und Ted Nelson. Über diesen Utopisten und Begründer der Dokumentation gibt einen interessanten belgischen Dokumentarfilm von Françoise Levie, die auch ein Buch unter demselben Titel veröffentlicht hat: L’HOMME QUI VOULAIT CLASSER LE MONDE (The Man Who Wanted to Classify the World). Kevin Kelly stellt den Film in seinem Blog „True Films“ vor:

„… his most amazing invention (in retrospect) was his invention of hypertext, multi-media, and the web. He didn’t use these words of course. He called it the International Network for Universal Documentation. In his 1934 „Treatise of Documentation“ or „The book on the book“ he lays it out:

‚Before our very eyes an immense machinery for intellectual work is being constructed. This machinery will serve as a veritable mechanical and collective brain. A universal publication system condensing all of the fragmentary and individual data and kept constantly up to date must be assembled for each branch of the sciences and other activities. This network must link production centers distributors and users. Any person with data to be made known or propositions to present or defend will be able to do so. Or with a minimum of effort and a guarantee of quality safety will be able to obtain any information.‘ “ (True Films mit einem Filmauschnitt zur Funktionsweise des „International Network for Universal Documentation“)

Die DVD mit der englischen Fassung des Films kann bei Memento Productions in Belgien direkt bestellt werden. Geliefert wird eine gepresste DVD-Video, nicht eine gebrannte DVD-R!


Helvetica

20. Juli 2007

Gary Hustwit hat einen Film über eine Schrifttype gemacht: „Helvetica“ zeigt nicht nur Geschichte und Bedeutung der von Max Miedinger 1957 entworfenen Schrift, sondern auch die visuelle Kultur unserer Welt, die vor allem von Schriftzeichen bestimmt wird. Jeder Photograph weiß, wie schwer es ist, bei Aufnahmen in Großstädten oder anderen menschlichen Ansiedlingen Schriftzeichen zu vermeiden. Andrew Dickson schreibt in seinem Artikel „These people are gods“ im Guardian:

„… making a documentary about all this, Hustwit explains, is to put faces to the names of great designers such as Vignelli whose work surrounds us every day but whose identities remain more or less unknown. „When I started this project,“ he says, „I couldn’t believe that a film like this didn’t exist already, because these people are gods and goddesses. What they do is more than just logos and corporate branding – they design the type that we read every day in newspapers and magazines, onscreen and on television. Fonts don’t just appear out of Microsoft Word: there are human beings and huge stories behind them.“

… Graphic design is no longer the province of specialists, but available to anyone with a word processor. „All these things that were the realm of professional designers 10 years ago are now being done by eight-year-olds,“ says Hustwit. „The more people are exposed to graphic design, the more they appreciate it.“ (The Guardian) (Anmerkung: Die Helvetica diente auch als Vorlage für die Arial-Schrift von Microsoft – Vergleich)

Der Film zum 50jährigen Jubiläum der Helvetica wird im Oktober auf DVD erscheinen. Ein Jahr vor Max Miedinger hatte Adrian Frutiger ebenfalls eine serifenlose Schrift entworfen, die Univers. Darüber gibt es zwei Filme auf DVD, die den von Gary Hustwit ideal ergänzen: „Adrian Frutiger, der Mann von Schwarz und Weiß“ und „Adrian Frutiger – Schriftgestalter“ (Info).


McLuhan’s Wake

10. Mai 2007

Kevin McMahons Film über den großen Kritiker der Popularkultur ist sowohl eine Biographie als auch eine Einführung in sein theoretisches Werk. McLuhan’s Wake spiegelt unsere zeitgenössische Mediengesellschaft in seinen Theorien, wobei das vielsagende Leitmotiv dieses unkonventionellen Films ein kleiner Animationsfilm nach Edgar Allen Poe’s Erzählung „Der Sturz in den Mahlstrom“ ist:

„The global village“ and „the medium is the message“ are among the most quoted phrases of the past thirty years. However, few people have gone beyond the catch phrases to explore the vast ideas of Marshall McLuhan, the Canadian thinker whose work was largely ignored in his time. Twenty years after his death, however, McLuhan’s work speaks volumes to the era of the internet, cell phones, and other virtual technologies. This dazzling and poetic film explores McLuhan’s work and its relevance today, featuring images and sounds of the man himself, as well as commentary by scholars Eric McLuhan, Neil Postman, HARPER’s editor Lewis Lapham, and others. The film is narrated by renowned performance artist Laurie Anderson.“ (Chicago International Documentary Festival)

Die Produktion des National Film Board of Canada enthält außerdem zahlreiche Extras:

„The DVD is packed with a surprising amount of extras. You can watch animated film of „Descent into the Maelstrom“ (5 minutes) which is featured in the documentary. An interview with Corinne McLuhan, Marshall´s wife (12 min.) is also included.
Of greater interest is the eclectic collection of „educational“ extras, including a feature which talks more about tetrads and even includes an animated exercise in which viewers can guess how different technologies (such as chairs, cell phones, etc.) fit into the theory. Several audio recordings are also included, both by McLuhan and about McLuhan. The DVD also offers a collection of documents you can access as PDF files, including the film’s transcript, a McLuhan Dossier, and a study guide for educators.“ (DVD Downtown)

Der Film ist auf DVD in den USA lieferbar, beim NFB in Kanada auch die Collector’s Edition mit Vorführrecht und erweitertem Bonusmaterial. Wer jedoch die Quelle selbst, McLuhan’s Vorlesungen erleben will, bleibt auf die Edition „The VideoMcLuhan“ angewiesen, die seine Tochter, Stephanie McLuhan vor einigen Jahren herausgegeben hat. (Die Website http://www.videomcluhan.com ist allerdings nur noch über archive.org auffindbar).