Yasmin Ahmad

31. Juli 2009

(Foto: Joseph Nair/ Straits Times)

Malaysia hat eine Institution verloren. Vor einer Woche ist die Filmemacherin Yasmin Achmad gestorben und ein ganzes Land trauert:

„I’m a typical Chinese educated student, a rebellious teenager, with an imperfect impression and prejudice towards other races and religions in my early teenage years. Yet, my mind has changed, my life has changed after I got to know this talented film-maker through her commercials and blog. Frankly speaking, the ONLY Malay film director that I know is Yasmin Ahmad, and the ONLY Malay blog author that I follow is The Storyteller. You have shown us the beauty of a multiracial society through the heart- touching movies and ads. And I believe, your commercials and movies with themes of love, harmony, and respect to one another have inspired everyone out there…As what people said, you made every Malaysian want to be a Malaysian and remind us that we have always been Malaysians. When life separates us I’ll know it is only your soul Saying goodbye to your body But your spirit will be with me always.“ (Betty. In: „Tributes to Yasmin Ahmad“. The Star, ab 26.7.2009)

Bekannt geworden ist Yasmin Ahmad für ihre Orked-Trilogie, die das Leben und Lieben des muslimischen Mädchens und der jungen Frau Orked in einer Gesellschaft beschreibt, die durch die Diskrimierung von Minderheiten geprägt ist. Yasmim Ahmad wollte mit ihrer Arbeit helfen, Malaysia zu einer menschlicheren Gesellschaft zu machen.

„… meine Filme sind Filme über Menschen, und ich will, dass man die Rasse der Protagonisten nach einer halben Stunde Zuschauen vergisst.“ (In: „Eine traurige Nachricht aus Kuala Lumpur“, von Tilman Baumgärtel. Die Tageszeitung vom 28.7.2009)

Alle drei Filme der Trilogie, „Sepet“ (Schlitzauge, 2004), „Gubra (2005) und der auch bei uns bekannt gewordene „Mukhsin“ (2006), er wurde auf der Berlinale (PDF) ausgezeichnet, sind in Malaysia als DVD in der Originalfassung mit englischen Untertiteln lieferbar. „Mukhsin“ ist auch in den Niederlanden auf DVD erschienen, allerdings nur auf Englisch.

Vielen Dank an Tilmann Baumgärtel und die TAZ, die uns auf diese Filmemacherin aufmerksam gemacht haben. In einem Interview von 2006 und in ihren beiden Blogs Storyteller und Storyteller, Part 2 kann man diese beeindruckende Persönlichkeit näher kennenlernen.

Nachtrag vom 7.9.2009: Die drei DVDs sind inzwischen aus Malaysia eingetroffen. „Mukhsin“ und „Sepet“ haben englische Untertitel. Bei Sepet sind es die Untertitel auf der Filmkopie, die für das Master benutzt wurde. Sie sind dennoch gut lesbar. Leider hat die DVD „Gubra“ keine englischen Untertitel!


Langzeitdokumentation wird Weltkulturerbe

31. Juli 2009

Langzeitdokumentationen gehören zu den unübersehbaren Monumenten der filmischen Dokumentation menschlichen Daseins. Sie sind immer auch, das liegt in der Natur der Sache, das Lebenswerk einzelner Filmemacher. Wir kennen in Deutschland „Die Kinder von Golzow“ von Barbara und Winfried Junge, international die „Up-Series“ (europäische Ausgabe) von Michael Apted. In beiden Fällen werden westliche Lebensgemeinschaften dargestellt.

Jetzt hat die UNESCO die Langzeitdokumentation, die John Marshall über die Ju/’hoan Bushman in der Kalahari-Wüste von 1950 bis 2000 gedreht hat, zum Weltkulturerbe erklärt:

The John Marshall Ju/’hoan Bushman Film and Video Collection (PDF), held at the Smithsonian Institution’s Human Studies Film Archives, is one of the seminal visual anthropology projects of the 20th century providing a unique example of sustained audiovisual documentation of one cultural group, the Ju/’hoansi, of the Kalahari Desert in northeastern Namibia, over half a century. It is an unparalleled historical record not only of an indigenous people’s traditional way of life and ties to the land but of the transformation of their life in the rapidly changing political and economic landscape that developed in concert with the struggle for Namibian independence. “ (UNESCO-Erklärung, zitiert von Pam Wintle, Human Studies Film Archives, Smithsonian Institution in AMIA-L, 31.7.2009)

Neben anderen Archivalien umfasst die Sammlung 722 Stunden Film- und Videomaterial. Zahlreiche kürzere Filme daraus sind veröffentlicht worden. Eine längere, sechsstündige Dokumentation, die das ganze halbe Jahrhundert überspannt, ist auf DVD erschienen und bei Documentary Educational Ressources (DER) in den USA lieferbar. „A Kalahari Family“ beschreibt die Entwicklung einer Familie von Jägern und Sammlern in den Zeiten der Apartheid und des Befreiungskampfes Namibias zu neuen Lebensräumen auf eigenem Boden in einem unabhängigen Land (Interview mit John Marshall).


Tartan ist wieder zurück

25. Juli 2009

Vor einem Jahr war das Arthaus-Label Tartan vom Markt verschwunden. Schritt für Schritt war Tartan als Palisades Tartan wieder auferstanden. Wie der Qualitätsanbieter Movie Mail jetzt angekündigt hat, sind 140 Titel aus dem alten Tartan-Katalog in Großbritannien wieder lieferbar:

„It was a great shame when Tartan Video closed down a year ago as they had one of the best DVD catalogues in the UK for film lovers. The good news is that their films are starting to become available once more. The even better news is that they’re on sale, with prices starting at just £5.99!“ (Movie Mail)


La Rabbia – Der Zorn

21. Juli 2009

Ein seltener Film von Pier Paolo Pasolini ist in Italien nun endlich auf DVD mit englischen Untertiteln zugänglich. „La Rabbia“ war bisher nur bei MK2 („La rage“, italienisch mit franz. Untertiteln) oder früher als VHS in Argentinien bei Blakman (italienisch mit span. Untertiteln) erhältlich.

„Mein Ehrgeiz war die Erfindung eines neuen Genres: ein Film als ideologisch-poetischer Essay…“ , das war die erklärte Absicht Pasolinis mit diesem Werk:

„La Rabbia“ nimmt nicht nur wegen des politischen Skandals von Pasolinis „Naivität“, welche die gesamte Linke gegen ihn aufbrachte, eine besondere Stellung in seinem Oeuvre ein.

Aus 90.000 Metern Wochenschaumaterial („fürchterlich banal und völlig reaktionär“) hat er die Bilder seines fünfzigminuetigen Filmes ausgewählt. Diese Wochenschausequenzen, die am stärksten seinen Montagezugriff in jener Sequenz spüren lassen, die dem Tod Marilyn Monroes gewidmet sind („das einzige, was es wert wäre, es zu erhalten“), ist ein teils pathetischer, teils elegischer Text des Lyrikers Pasolini unterlegt, der von Giorgio Bassani (Die Gärten der Finzi-Contini) und dem Maler Renato Guttuso gesprochen wird.

„Die Welt als Scherbenhaufen“ (H. M. Enzensberger über Ästhetik und Politik der Wochenschau), welche Pasolini in „La Rabbia“ mosaikartig aufschichtet, bietet die Erscheinung eines gärenden Bilderstroms von Flucht, Elend, Tortur, Mord und Tanz auf einem Vulkan. Es sind eruptive Protuberanzen eines komplexen Prozesses: der Hunger der Dritten Welt, ihr Kampf mit dem Kolonialismus, der Rassismus und Lynchjustiz, der Antikommunismus, den Pasolini später „Konsumismus“ nennen wird. “ (aus: Pier Paolo Pasolini, Hanser Reihe Film 12. Werkleitz)

Bei „La Rabbia“ kommt einem spontan ein ähnlich angelegter Film in den Sinn, ebenfalls auf Wochenschaumaterial basierend: „Der gewöhnliche Faschismus“ vom Michail Romm.

„La Rabbia“ löste bei seiner Erstaufführung einen massiven Protest italienischer Schriftsteller und Intellektueller aus, darunter Alberto Moravia. Der Produzent Gastone Ferranti war mit den politisch-gesellschaftskritischen Aussagen Pasolinis unzufrieden gewesen und hatte den „Don Camillo und Peppone“-Autor Giovanni Guareschi einen zweiten Teil des Films anfügen lassen, dem faschistisches Gedankengut vorgeworfen wurde. Die zweiteilige Version des Films wurde daraufhin vom Produzenten selbst aus dem Verleih genommen (nach 3Sat).

Raro-Video hat 2 DVDs herausgebracht, die restaurierte zweiteilige Fassung mit den beiden Filmen von Pasolini und Guareschi (1963) und eine Rekonstruktion des Films von Pasolini durch Giuseppe Bertolucci (2008):

„La Rabbia“

„La Rabbia‘ employs documentary footage (from the 1950’s) and accompanying commentary to attempt to answer the existential question: Why are our lives characterized by discontent, anguish, and fear? The film is in two completely separate parts, and the directors of these respective sections, left-wing Pier Paolo Pasolini and conservative Giovanni Guareschi, offer the viewer contrasting analyses of and prescriptions for modern society. “ (Raro Video)

„La Rabbia di Pasolini“
„The extended version of the original LA RABBIA of Pier Paolo Pasolini, with the touching reconstruction of unseen footage and critics originally created by The Poet and later cut in the version with Giovanni Guareschi theatrically released. “ (Raro Video)

Pasolini hatte seinen Filmteil auf 53 Minuten gekürzt, um Platz für Guareschi zu schaffen. Ähnlich wie man die originale Partitur der Filmmusik für die Rekonstruktion von Stummfilmen heranzieht, hat Bertolucci hier den ursprünglichen Kommentar von Pasolini, der schriftlich vorliegt, als Grundlage seiner Rekonstruktion genommen. Die neue Fassung ist 83 Minuten lang und besteht aus vier Teilen: Einer Einführung Bertoluccis (2 Min.), einer neuen Montage von Wochenschaumaterial passend zu Pasolinis Text (16 Min.), der restaurierten Version von 1963 (53 Min.), und einem Anhang mit dem Titel „L‘ aria del tempo“ (12 Min.).

Informationen:

Die beiden DVDs von Raro Video, „La Rabbia““ und „La Rabbia di Pasolini“ sind auf dem letzten Festival Il Cinema Ritrovato in Bologna in der Sektion “Best Rediscovery of Forgotten Films” ausgezeichnet worden:

“These two DVDs shed light on a film that had been sentenced to silence by ideological divisions and by doing so have brought a Pasolini project to life, when it would have otherwise remained on paper forever. ” (Il Cinema Ritrovato DVD Awards 2009)


Il mondo perduto – Die Kurzfilme von Vittorio de Seta

20. Juli 2009

Die Kurzfilme von Vittorio de Seta (Interview), auf die wir hier schon 2007 hingewiesen hatten, sind im letzten Jahr in Italien auf DVD erschienen.

Zwischen 1954 und 1959 drehte de Seta zehn Kurzfilme in Sizilien, Kalabrien und Sardinien, in denen er die Welt der Fischer, Kleinbauern, Minenarbeiter und Hirten dokumentiert, und zwar direkt und authentisch, in neorealistischer Tradition ohne Kommentar, nur mit den Geräuschen der Arbeit und den Melodien der Volkslieder. Gesteigert wird dieser physische Ausdruck noch durch das für solche Sujets ungewöhnliche Cinemascope-Format und die pastellartige Farbigkeit der Bilder.

Die DVD „Il mondo perduto. I cortometraggi di Vittorio De Seta. 1954-1959“ ist auf dem letzten Festival Il Cinema Ritrovato in Bologna in der Sektion „Best Rediscovery of Forgotten Films“ ausgezeichnet worden:

„For making available to the public at large for the first time Vittorio De Seta’s ten documentaries shot in the 1950s, unquestionable masterpieces of cinematographic expertise, anthropological insight and investigation of values.“ (Il Cinema Ritrovato DVD Awards 2009)

Hier (PDF) die Begründungen des Preisgerichts für die anderen DVD-Editionen.


Israel und die besetzten Gebiete auf DVD

20. Juli 2009

Die amerikanische Filmzeitschrift Cineaste hat in einem ausführlichen Artikel einige Dokumentarfilme auf DVD vorgestellt, die sich mit den psychischen und gesellschaftlichen Folgen beschäftigen, die Besetzung und Abriegelung palästinensischer Gebiete für deren Einwohner und die Israelis selbst haben. Rebecca Romani betont in ihren Aufsatz „The Hazards of Occupation: Documentaries by and about Palestinians and Israelis in the Occupied Territories“ (Volltext im Web vorhanden), wie schwierig eine ausgewogene Darstellung bei diesem Thema ist:

“ The Israeli-Palestinian conflict is a classic „hot-potato“ issue, on which there are widely divergent, bitterly contested viewpoints, making nonfiction documentation of Israel’s occupation of the Gaza Strip and the West Bank an ideological minefield. Where do you go? Whom do you talk to, or against? Is it possible to achieve a „balanced“ presentation? Can one provide enough historical, social, and political context to make the key issues comprehensible for the average viewer?

Occupation, to paraphrase Portia from Shakespeare’s Merchant of Venice, is twice cursed. It curses those who enforce it as well as those under occupation. In the last forty-two years, it would seem no occupation has been more cursed than Israel’s venture in the Gaza Strip and the West Bank. It is an occupation that has involved not only Israeli society in the form of military service, but also Western societies, namely the U.S. through economic and military aid. In addition, the occupation has so divided parts of Israeli society itself as to rip it asunder.

Most tragically, it has driven the Palestinian population to its knees and reduced them to statistics, if not invisibility, in terms of U.S. media coverage. (Rebecca Romani in Cineaste)

Die Filme geben einen sinnlichen Eindruck von den individuellen Schicksalen, wie sie in der laufenden Berichterstattung nur selten vorkommen – am eindrücklichsten vielleicht in „Young Freud in Gaza“ über einen der wenigen Psychologen, die im Gaza-Streifen arbeiten (vgl. dazu auch das Interview mit dem palästinensischen Psychoanalytiker Gehad Mazarweh im gestrigen Tagesspiegel – „Ich bin ein Mann mit einem Mutterherzen“).

Die Filme im einzelnen:

Peace, Propaganda & the Promised Land – U.S. Media & the Israeli-Palestinian Conflict

Palestine Post 9/11

Checkpoint

To See If I‘ m Smiling (Lir’ot Im Ani Mehayechet)

On The Objection Front

Refuseniks

Palestine Blues

Young Freud in Gaza

Zu ergänzen wäre noch einer der bedeutendsten Filme zu diesem Thema: „Avenge but one of my two eyes“ (Nekam Achat Mishtey Eynay) von Avi Mograbi (arsenal), der mit Mitteln der staatlichen israelischen Filmförderung finanziert wurde – auf DVD bei Second Run in Großbritannien erschienen.


Eine DVD für 1.000 Jahre

20. Juli 2009

Jeder kennt es, den Laser rot bei DVDs, die oxydierten Reflektoren, die Schichten, die sich delaminieren, Discs, die nicht mehr laufen, weil sie schon braun angelaufen sind (Bronzing) – alles Folgen schlampig produzierter DVDs, besonders häufig bei indischen Discs, aber auch von Kino in New York wurden magelhafte Chargen ausgeliefert (besonders bei der American film theatre collection, aber auch bei einigen Stummfilmen).

Während solchen gepressten DVDs eine maximale Lebenszeit von nur ca. 10 Jahren bescheinigt wird, hat jetzt eine Firma eine Disc mit einer Haltbarkeit von 1.000 Jahren versprochen. Sie muss mit einem speziellen „Brenner“ bespielt werden, soll aber zu DVD-Playern abwärtskompatibel sein. Die Firma mit dem passenden Namen Millenniata verwendet besonders haltbare Materialien, keine organischen Stoffe wie bei DVD-R und -RW üblich und setzt einen speziellen Laser ein (Pressebericht). Geschäftsführer Henry O’Connell vergleicht das neue Verfahren mit Steintafeln, den ersten Schriftdokumenten:

„When Dr. Barry Lunt took his Scouts in 1995 to visit the Anasazi Indian petro glyphs in Nine-Mile Canyon (near Price, Utah), little did he realize he would be inspired to invent a new permanent DVD that would preserve information for generations. Dr. Lunt, a genealogist and professor of information technology at Brigham Young University, examined these Anasazi Indian writings and learned that instead of being paintings (as he originally thought); they were created by chipping away dark rock to expose a lighter layer of rock beneath. And they had survived for many centuries! Years later, when he saw the urgency in the need to store computer data permanently, he recalled how the Anasazi Indians had made their petro glyphs and reasoned that their solution could be transferred over to optical storage technology (CDs and DVDs). So, he teamed with Dr. Matthew Linford from the BYU Chemistry Department, an expert in surface chemistry, to reproduce the Anasazi’s simple recipe for immortal records. After several months they found that a material similar to obsidian (a hard, dark glass) could be permanently bound to a reflective metal. This obsidian-like surface could then be etched away to record the data in ones and zeros instead of petro glyphs. Since the materials used in this method of optical storage are not subject to the changes of heat or time, the data is literally carved in stone.“ (Silicon Slopes, Interview vom 8.11.2008)