DVD-Box Bo Widerberg

10. August 2015

Die Königliche Bibliothek in Stockholm gibt am 17. August 2015 die Widerbergboxen heraus, eine DVD-Sammlung mit 5 Filmen von Bo Widerberg und einem Dokumentarfilm über diesen bedeutenden schwedischen Filmregisseur neben Ingmar Bergman.

Die Box von Studio S umfasst die beiden klassischen Langfilme Joe Hill (1971) und Fimpen (1974) , die international weniger geschätzte Literaturverfilmung eines Romans von Knut Hamsun Victoria (1979), eine deutsche Koproduktion mit dem ZDF, die Fernsehadaption von Arthur Millers Stück „Tod eines Handlungsreisenden“, En handelsresandes död (1979) und den vielprämierten Film Lust och fägring stor (Schön ist die Jugendzeit, Lehrstunden der Liebe, Verführung im Klassenzimmer, 1995), der auch in Deutschland auf VHS und DVD ausgewertet wurde.

Besonders schwer war das Negativ von Joe Hill für die neue DVD-Edition zu beschaffen, wie Stefan Nylen von Studio S im Svenska Dagbladet berichtet. Paramount hatte es nach der US-Auswertung einfach nicht zurückgegeben und blockierte es lange Zeit mit Rechtsanwälten – vielleicht, weil der Film nicht gerade schmeichelhaft ist für ein Land, in dem gesellschaftliche Konflikte nur zu oft mit Waffen und Todestrakten ausgetragen werden. Nach Tomas Ehrnborg, dem Verantwortlichen für das Widerberg-Projekt bei der Königlichen Bibliothek, bestand sogar die Gefahr, den Film endgültig zu verlieren:

„…wir konnten das Kunststück fertigbringen, Joe Hill, einen von Widerbergs besten Filmen, nach vielen Jahren nach Schweden für die Restaurierung zurückzuholen. Es ist ein Film, der tatsächlich in Gefahr war,  für immer zu verschwinden.“ („Bo in en box“Situation Stockholm. Übers. DVDbiblog)

Es lohnt sich, den Artikel aus dem Svenska Dagbladet in den Google-Übersetzer einzugeben, um die Bedeutung von Bo Widerbergs Filmen, besonders von Joe Hill und Elvira Madigan, in ihrer Entstehungszeit kennenzulernen. Sie wurden dann vergessen und werden heute in Schweden wiederentdeckt.

Der sechste Film ist eine Biographie von Stefan Jarl über seinen viel bewunderten Mentor, Liv till varje pris (Leben um jeden Preis, 1998), der 1999 auf den Berliner Filmfestspielen im Internationalen Forum des jungen Films seine Deutschlandpremiere hatte:

„Mein Freund, der schwedische Regisseur Bo Widerberg, starb vor einem Jahr an Krebs – viel zu früh. Für mich war er ein Held. Ich gehörte einer jüngeren Generation an und wuchs in einer bürgerlichen Gesellschaft auf, in der Ingmar Bergman als Gott der Kunst angesehen wurde. Für jemanden aus der Arbeiterschicht wie mich war es nicht leicht, einen Helden zu finden. Bo wurde mein Mentor. Er machte Filme über die Wirklichkeit. In seiner Welt gab es keinen Gott, nur normale Menschen. Für ihn hatte der Film etwas mit dem Leben zu tun und das Leben mit Film. Er drehte einige der besten Filme, die je in Schweden hergestellt wurden. Bo war sehr stolz, als ich zum ersten Mal zur Berlinale eingeladen wurde. Dieses Jahr bin ich zum siebten Mal hier, mit einem Film über ihn – ich hoffe, er ist immer noch stolz.“ (Stefan Jarl, Arsenal Berlin, 1999)

Wie Tomas Ehrnborg feststellt, ist die Widerberg-Box ein nationales Projekt, eigentlich viel zu aufwändig für den kleinen schwedischen Markt, aber eben wichtig, um sich der nationalen Filmkultur zu versichern.

Die Edition der schwedischen Nationalbibliothek ist mit zahlreichen Zusatzmaterialien ausgestattet. Für die Langfilme liegen Kommentare und neue Interviewfilme vor, z. T. auch die Drehbücher im DVD-ROM-Teil.  Außerdem gibt es weitere biografische Filme über Widerberg sowie Berichte von den Dreharbeiten. Enthalten sind auch sechs Werbefilme von Widerberg für Volvo sowie sein Debütfilm Pojken och Draken (1962), den er zusammen mit Jan Troell gedreht hat. Außerdem gibt es ein 44-seitiges, illustriertes Beiheft von Peter Birro. Über Untertitel zu den Zusatzfeatures wird keine Auskunft gegeben, allerdings ist die gesamte Box als englisch untertitelt gekennzeichnet.

Zumindest alle Langfilme sind entweder mit englischen Untertiteln ausgestattet oder sie liegen in der internationalen englischen Fassung vor (Joe Hill, Victoria).

Nachtrag vom 23.8.2015: Martin vom Criterion Forum hat die Edition gesichtet. Bis auf die Audiokommentare sind die Zusatzmaterialien im wesentlichen Englisch untertitelt:

The new Swedish Widerberg 6-disc dvd box set is pretty good: nice transfers, probably 6 or 7 hours of decent bonus features (documentaries, interviews, short films, making-of’s, etc.), plus commentary tracks for three films, and a pretty good booklet printed on thick glossy paper with relevant reprints of newspaper articles among other things.

Everything has English subs except the commentary tracks and a few minor bonus features like trailers and such. Victoria (1979) has English audio and only Swedish subs (not forced).  The booklet (40 pages or so) is in Swedish only.  (Criterion Forum)

Leider gilt das nicht für die schon 2012 erschienene Box mit 7 Discs Bo Widerberg – En Filmografi, die solch bedeutende Werke wie Kvarteret Korpen (Das Rabenviertel, 1963) und Adalen 31 (1969) enthält. Allerdings sind Elvira Madigan (1967) und Der Mann auf dem Dach (1976)  in Großbritannien bei Arrow,  bzw. in Deutschland auf DVD erschienen, letzterer bei dem kleinen, aber bedeutenden Berliner Label Media Target.

Die 7-Disc-Box war wegen des wiedererwachten Interesses an Bo Widerberg veröffentlicht worden, da 2011 die erste Biographie über ihn erschien, jedoch die meisten seiner Filme in Schweden nicht zugänglich waren. Auf Druck der Öfffentlichkeit einigten sich Herausgeber und Erben.

„Das Interesse ist groß. Das fiel auch dem Personal an der Stadtbibliothek Malmö auf, wo viele nach Filmen von Widerberg gefragt haben. Aber die meisten sind nicht auf DVD erhältlich.

Es gibt jetzt ein Wiedererwachen des Interesses mit der Biographie. Vor allem erhalten wir Fragen zu Kvarteret Korpen und Barnvagnen [beide Filme spielen in Widerbergs Geburtsstadt Malmö]. Aber leider sind sie natürlich nicht veröffentlicht, und die alten VHS-Kopien abgenutzt, sagt Lisa Stigmar, die für Filmeinkäufe in der Stadtbibliothek Malmö verantwortlich ist.“ (Mattias Oscarsson: Nu kan Bo Widerbergs klassiker komma på dvd. In: Sydsvenskan, 30.9.2011. Übers.: DVDbiblog)

Die neue Box kann in Schweden bestellt werden.

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DVD: Der Mann, der die Welt rettete – The Man Who Saved The World

4. August 2015

Heute Abend zeigt Arte den dänischen Dokumentarfilm „Der Mann, der die Welt rettete“ (The Man Who Saved The World) über Stanislav Petrov, einen sowjetischen Soldaten, der in der Nacht des 26. September1983 um 0.15 Uhr nach einem vermeintlichen Atomangriff der USA in seinem geheimen Bunker Serpukhov-15 in einem Wald südlich von Moskau nicht auf den roten Knopf für den Gegenangriff drückte und damit die Menschheit auf der Nordhalbkugel vor dem Untergang rettete.

Dieser Vorfall wurde erstmals öffentlich bekannt durch die Memoiren des Generaloberst Yuriy Vsyevolodich Votintsev, die 1998 erschienen. 2006 wurde Stanislav Petrov durch die UNO geehrt. Seitdem arbeitete der Däne Peter Anthony an seinem ersten langen Dokumentarfilm, der mit seinen Spielszenen eigentlich ein Hybrid ist.  Im Mittelpunkt steht die Persönlichkeit eines scheinbar unscheinbaren Mannes, der seinen menschlichen Instinkten folgte, folglich unprofessionell im militärischen Sinne handelte und damit im eigentlichen Sinne der Vernunft folgte.

Als besonderen Fernsehzuschauer wünschen wir uns heute Nacht einen damals verantwortlichen Politiker, der als Bundeskanzler den NATO-Doppelbeschluss maßgeblich initiiert hatte, Helmut Schmidt. Durch die Aufstellung der Mittelstreckenraketen und Marschflugkörper im Dezember 1983, also wenige Monate nach dem Vorfall in Moskau, wurden die Vorwarnzeiten für einen Atomschlag in Europa extrem verringert und die Gefahr, die Petrov eigenmächtig verhindert hatte, noch einmal vergrößert. Aber wahrscheinlich wird Helmut Schmidt um 22.50 Uhr schon im Bett liegen. Ob er daran denkt, dass er ohne Stanislav Petrovs Tat vielleicht schon 1983 wie wir alle im nuklearen Armageddon verdunstet wäre, wie es uns erst jüngst wieder die Berichte aus Hiroshima und Nagasaki *) vor Augen geführt haben?

*) hier vor allem die herausragende Dokumentation von Lucy Van Beek „Countdown in ein neues Zeitlater: Hiroshima“ (Orig.: Hiroshima: The Aftermath, GB 2014) des Top-Produzenten gründlicher historischer Dokumentationen Brian Lapping (heute Brook Lapping).

Stanislav Petrov ist heute ein unglücklicher Mann, denn seine geliebte Frau Raia lebt nicht mehr. Sie starb an Krebs.

Der Film von Peter Anthony ist in Großbritannien als DVD erschienen.

Nach dem Film: Schon die lustig-launige Anmoderation der Arte-Sprecherin bereitet angemessen auf das folgende Produkt vor.  Peter Anthony hat seinem Plot nicht vertraut und einen durchgehend inszenierten Film hergestellt, wobei er allein die internationale Verwertung im Blick hatte.

Zusammengesetzt aus den Versatzstücken mehrerer Spielfilmgenres hat er seinem Film jede Authentizität ausgetrieben. Besessen von dem Drang nach Verkäuflichkeit seines Medienprodukts hat er seinen Protagonisten mißbraucht – eine Geisel in der Hand des Regisseurs, die in der eigenen Geschichte mitspielen muss. Peter Anthony schleppt ihn wie ein Faktotum durch den Film und zeigt ihn bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit her, um seinem Film Bedeutung zu verleihen. Die aufgeschriebenen, phrasenhaften Dialoge, die Musik und die doppelt und dreifachen Erklärungen des Immergleichen weisen den Film als Kitschprodukt aus, das dem Publikum keinen eigenen Gedanken zutraut und ihm dafür auch keinen Raum läßt. Zu seinen Zuschauern hat Peter Anthony diesselbe Haltung wie zum Protagonisten seines Films.

Der Film steht in der Arte Mediathek noch bis zum 11.8.2015 zur Verfügung.