Hibos Lied

2. Mai 2008

„Hibos Lied“, ein Film von Sigrid Dethloff und Renate Bernhard, zeigt die furchtbaren Folgen von Genitalverstümmelungen bei Mädchen und Frauen in Afrika. Hibos Lied, das ist die Leitmelodie des Films, der Song der somalischen Sängerin Hibo, die nicht mehr für ihre Tochter tun konnte, als für sie ein Lied zu schreiben. Das Besondere an diesem Film: Er zeigt die schwerwiegenden Folgen für Menschen, die mitten in Deutschland leben, so wie sie die Berliner Gynäkologin Dr. Sabine Müllerin ihrer Praxis erlebt:

„Wir begleiten eine junge Sudanesin auf dem schwierigen Weg, sich vom Denken ihrer Großmutter zu befreien. Wie fast alle Ostafrikanerinnen wurde Gihad Gibreil als Kind an ihren Genitalien verstümmelt und zugenäht. Nur eine Öffnungsoperation kann ihr eine einigermaßen normale Geburt bescheren und ihre Beschwerden lindern. Doch Gihad zögert, obwohl sie seit Jahren in Berlin lebt, Biotechnologie studiert, die biologischen Zusammenhänge kennt und eine moderne Ehe mit einem liebevollen Mann führt, der sie ermutigt.

Wir erleben mit Dr. Sabine Müller eine sensible Ärztin, die in jahrelanger Betreuung beschnittener Frauen viel über die kulturellen Hintergründe der weiblichen Genitalverstümmelung erfahren hat und die zugibt, wie viel sie lernen musste, um ihre Patientinnen angemessen beraten zu können. Und wir besuchen eine besonders schwer betroffene Patientin von Dr. Sabine Müller: Sie kann nicht sitzen, sie kann nicht laufen, sie muss immer zur Toilette, sie hat so viel Schmerzen, so beschreibt die 19jährige Nevin das Leid ihrer Mutter. Samia Tawadros hat nur den einen Wunsch, ihren Töchtern diese Qualen zu ersparen.“ (19. Fernsehworkshop Entwicklungspolitik) (Begutachtung durch Medienzentren)

Die DVD kann bei Terres des Femmes oder bei den Filmemacherinnen direkt bestellt werden (sigriddethloff@gmx.de).

Die Produktionsfirma CouRage bietet noch weitere Filme auf DVD an: „Iss Zucker und sprich süß“ über die Opfer von Zwangsheiraten (die Kurzfassung lief in der ARD) und „Auch ich bin Deutschland“ über die Lage elternloser, jugendlicher Flüchtlinge in Deutschland.

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Der Kreis (Dayereh)

8. März 2008

Passend zum internationalen Frauentag soll hier auf einen kleinen Film aufmerksam gemacht werden, der die Situation der Frauen im Iran geradezu physisch erlebbar macht. „Der Kreis“ (Dayereh) (IMDb ; dt. Wikipedia) von Jafar Panahi beschreibt das Schicksal von acht Frauen in Form eines Reigens, der mit einer Entlassung aus dem Gefängnis beginnt und einer Inhaftierung endet.

Die besondere Qualität des Films liegt darin, dass er einerseits die Frauen als Verfolgte und Gehetzte zeigt – die ausgestossenen Frauen huschen wie schwarze Gespenster von Hausecke zu Hausecke, sie müssen sich verbergen, sich selbst verleugnen -, sie sich andererseits aber in einer völlig gleichgültigen Umwelt bewegen, die wie selbstverständlich ihren Alltagsgeschäften nachgeht, was im Ton mit einem lauten, monotonen, den ganzen Film durchziehenden Alltagslärm eindringlich zum Ausdruck kommt. Der Widerspruch zwischen diesen beiden Elementen des Films läßt den Zuschauer die existentielle Situation der Frauen im Iran geradezu sinnlich empfinden und ohne viele Worte unmittelbar verstehen.

Den Frauen sind selbst einfachste Dinge verwehrt. Ohne männliche Begleitung ist es untersagt, ein Busticket zu kaufen oder ein Hotelzimmer zu buchen. Überall gibt es Kontrollen, jede Bewegung wird überwacht. Eine Schwangerschaft wird zur existentiellen Krise und die Lebensumstände machen sie umso unlösbarer. Die Form des Reigens lässt das Schicksal der Einzelnen im Nichts verschwinden, fortgesetzt durch das Drama der nächsten Frau in einer aussichtlosen Lage, die damit allgegenwärtig und alle Frauen betreffend erscheint. So müssen sich Juden in Deutschland nach 1935 gefühlt haben.

Der Film wirkt umso eindringlicher, als Panahi ihn in einem cinéma vérité-Stil fast vollständig auf der Straße gedreht hat, so dass die alltägliche Gewalt des Mullah-Regimes wie selbstverständlich erscheint und den Zuschauer umso unvermittelter und brutaler trifft. „Der Kreis“ ist ein wahrer Horrorfilm, der den Zuschauer sprachlos und wie erschlagen zurücklässt.

Er wurde im Jahr 2000 mit dem Hauptpreis des Filmfestivals in Venedig ausgezeichnet und ist im Iran verboten. Panahi hat das Drehbuch niemals den iranischen Behörden vorgelegt. (Interview mit Jafah Panahi ; Informationen des Verleihs Alamode)

Eine Bemerkung zum Schluss: Alamode hätte sich mehr Mühe beim Mastern des Films für die DVD geben können. Er ist nicht, wie auf dem Cover vermerkt, anamorph gespeichert, sondern im Letterbox-Format. Als Vorlage wurde eine italienische Kinokopie verwendet, die teilweise verschrammt ist. Beides zusammen ergibt eine nicht optimale Bildqualität.


Dance, Girl, Dance

6. Juli 2007

Dorothy Arzners „Dance, Girl, Dance“ stellt Dave Kehr diese Woche in den Mittelpunkt seiner DVD-Rezensionen in der New York Times:

„As one of the few films made under the Hollywood studio system with a distinctly feminist point of view, Dorothy Arzner’s 1940 “Dance, Girl, Dance” was intensely examined by the feminist critics of the 1970s. Ms. Arzner was perhaps the only female director to carve out a coherent career in the classical Hollywood of the ’20s, ’30s and ’40s, and “Dance, Girl, Dance,” with its focus on women’s bodies and how they are commodified for male consumers, made perfect grist for the critical mill.

But now that the ideological battles have moved on to other territories, and the smoke around “Dance, Girl, Dance” has cleared, it’s probably safe to admit that it isn’t a very good movie.“

In seinem Blog gibt er zu, dass er Ida Lupino vorzieht, was dort eine lebhafte Diskussion ausgelöst hat. Immerhin bedauert er, dass in der Best 100-Liste des American Film Institute keine einzige Frau vorkommt und verweist als Ausgleich auf die Liste der Alliance of Women Film Journalists , die AWFJ’s TOP 100 FILMS LIST, in der „Dance, Girl, Dance“ selbstverständlich genannt ist.