Dish – Blockbuster contra Netflix

23. September 2011

   

Dish Network / Blockbuster contra Netflix / Quikster – in den USA ist die Home Video-Schlacht voll entbrannt. Streaming, DVD-Versand, Videothek und Kabelfernsehen werden zu neuen Services gebündelt und gegen den Platzhalter Netflix in Stellung gebracht: Wer bietet mehr?

Dish bündelt Streaming, Kabelkanäle und DVD-Versand mit der Nutzung der Videothek vor Ort:

Blockbuster Movie Pass will cost $10 a month on top of the monthly Dish satellite TV bill. As part of an introductory offer, Dish is including Blockbuster Movie Pass at no extra charge with its American Top 200 package for $39.99.

Movie Pass includes access to 100,000 DVDs and Blu-ray Disc titles by-mail, 10,000 titles available to stream to the TV and 20 premium entertainment channels.“ (Home Media Magazine)

Netflix verfolgt die entgegengesetzte Strategie und spaltet sich auf.  Streaming und DVD-Versand  werden auf zwei getrennte Marken mit eigenen Gebühren verteilt, versüßt mit Videospielen als zusätzlichem Angebot beim Versand.

„Netflix is splitting its streaming and DVD services into separate brands, renaming the latter Qwikster, company CEO Reed Hastings announced in a blog post late Sept. 18.

The two services will have separate websites, and DVD-by-mail subscribers will need to use Qwikster.com to access their DVD queues, rate content and choose movies. Subscribers to both services will receive separate bills for Netflix and Qwikster…

In July Netflix announced it would charge $7.99 a month each for DVD and streaming, angering consumers who had been spending $9.99 for both. On Sept. 15 Netflix announced it expected to lose 1 million more subscribers than forecasted. (Home Media Magazine)

Der erfolgreiche DVD-Versand mit seinem breiten Angebot von ca. 100.000 Titeln, der so viel für die Filmkultur auf dem „flachen Land“ geleistet hat,  wird in die zweite Reihe verbannt und abgewertet, obwohl als Stream vermutlich kaum mehr als 20.000 Titel zur Verfügung stehen dürften. Für ein börsenorientiertes Unternehmen war das Wachstum im Versandgeschäft wohl begrenzt, auch wegen der hohen Betriebskosten in diesem Bereich.

Im Mittelpunkt steht jetzt die internationale Expansion, die mit einem DVD-Versand nicht realisierbar ist. Die daraus folgende Abhängigkeit von den Lizenzgebern wird man aber nur eingrenzen können, wenn man für diese unverzichtbar wird, also nahezu ein Monopol schaffen kann.  Die Lizenzgeber werden versuchen, dies mit allen Mitteln zu verhindern, denn sie wollen einen Markt mit vielen Lizenznehmern. Das aber widerspricht dem Konzept einer Flatrate. Wieviele Flatrates soll der „User“ zahlen? Am Ende ist das für ihn nicht mehr „flat“.

Beim Streaming wird man nicht die Titelbreite des DVD-Versands bieten können, die nahezu den gesamten Markt umfasst.  Denn beim Versand von physischen Medien kann man auf die Unabhängigkeit durch die First Sale-Doktrin bauen, die bei virtuellen Medien nicht gilt. Und es ist ein Unterschied, ob einzelne Filme als DVD oder Blu-ray auf dem Kaufmarkt miteinader konkurrieren, oder ganze Titelpools auf dem Lizenzmarkt. Da verschwindet schnell ein großer Teil von der Streamingplattform. Das Streaming-Angebot wird also weniger Titel bieten und wie die Börse sein: volatil.

Es fragt sich, ob Dish-Blockbuster gegen Netflix bestehen kann- vielleicht wenn es gelingt, mit dem vielfältigeren Angebot ein Ambiente für Filmkultur zu schaffen, das die Videotheken in ihrer Anfangszeit so attraktiv gemacht hat. Netflix wird dafür auf seine ausgefeilte Datenbanksoftware und das Web 2.0 setzen können. Letztlich jedoch entscheiden Preis und komfortables Angebot.

„Netflix’s advantage, like cable’s, is its simplicity. You pay a little bit of money every month in exchange for a wealth of entertainment. But what the company becomes now, and what its competitors become in response, will determine the future of how we watch video for years to come.“ (Tim Carmody: How the Starz-Netflix Divorce Will Remake Video.  Wired September 2, 2011)

Nachtrag vom 11.10.2011: Netflix gibt die Teilung von Streaming und Onlineversand auf. Dahinter steckt wohl eine geplatzte Übernahme des Streaming-Angebots von Netflix durch Amazon, Geld, das dringend für die Aquirierung neuer Streamingrechte gebraucht wurde und nun fehlt. Die Konzentration im Streaming-Geschäft wird dennoch weitergehen müssen, wenn man ein ähnliches Angebot wie beim Online-Versand mit 100.000 Titeln in den USA erreichen will. Doch was Streaming einmal bieten soll, gibt es bei den physischen Medien bereits: Die DVD als Universalmedium für Filme, weltweit verfügbar, sehr preiswert bei guter Qualität und mit einer Abspielbasis, die ihresgleichen sucht – und wenn man will, kann man den Film kaufen, d.h. besitzen.


From Betamax to Blockbuster

16. Juni 2011

Wie die ersten Videothekengründer in den USA Ende der 1970er Jahre die neuen Home-Videorekordersysteme Betamax und VHS von einer Maschine zum „time shifting“ für das Fernsehen in eine Maschine für das befreite Filmesehen außerhalb des Kinos umdefinierten, das beschreibt das Buch „From Betamax to Blockbuster: Videostores and the Invention of Movies on Video“ (mehr in google.books).

Die Arbeit von Joshua M. Greenberg, heute Director of Digital Strategy an der New York Public Library, basiert im wesentlichen auf umfangreicher „Oral History“, u. a.  mit Hilfe der Website videostoreproject.com  und der Auswertung privater Archive von damals Beteiligten. :

„Josh Greenberg has given us a new way of viewing what we thought was a familiar story: the widespread adoption of the video cassette recorder in the home. Instead of just being about watching the Tonight Show the next morning, the device became the platform for collecting, archiving, sharing, and learning from a vast archive of film and video. The VCR permanently altered the American mediascape and Greenberg shows us why and how.“  Siva Vaidhyanathan, author of Copyrights and Copywrongs: The Rise of Intellectual Property and How it Threatens Creativity

Bei der Interpretation seines Materials stützt sich der Autor auf Vorstellungen, wie sie Ruth Schwartz Cowan in ihrem Aufsatz „The Consumption Junction: A Proposal for Research Strategies in the Sociology of Technology“ (pdf) vorgeschlagen hat.


Schwarzweiss auf Blu ray

14. Oktober 2009

Das Home Media Magazine in den USA preist in einem kurzen Artikel Schwarzweiß-Filme auf Blu ray. In “ Black & White on Blu“ feiert Chris Tribbey die feine Abstufung der Grauwerte und die ungewöhnliche Schärfe von restaurierten Schwarzweiß-Filmen auf Blu ray. Die meisten kennen diesen Filme nur aus dem Fernsehen und hatten nie Gelegenheit, frisch gezogene Kopien auf Festivals zu sehen. Erst auf Blu ray kann sich jetzt die Kunst der Kameramänner dieser Werke vor aller Augen entfalten. Wir hatten hier schon auf Henri Alekans Arbeit „Der Himmel über Berlin“ der Criterion Collection hingewiesen, die die anerkannt besten Digitalisierungen von Schwarzweiss-Filmen auf Blu ray hergestellt hat. Inzwischen sind aber weitere hervorragende Digitalisierungsarbeiten erschienen:

„… experts agree that Blu-ray presents the first opportunity to show the best of black-and-white films in the home, especially older fare. Warner Home Video has done Casablanca [Ultimate Edition], and Paramount Home Entertainment put both black-and-white and color versions of It’s A Wonderful Life in its Nov. 3 release [USA]. Sony Pictures Home Entertainment gave Dr. Strangelove special Blu-ray treatment, and 20th Century Fox Home Entertainment did the same with Young Frankenstein [US-Version mit deutschem Ton]. Criterion has worked magic on a number of black-and-white classics, including The Seventh Seal, The 400 Blows, Last Year at Marienbad and The Third Man [alle USA].“ ( “ Black & White on Blu“)

Allerdings kommen solche Blu ray-Versionen erst richtig zur Geltung, wenn kein Restlicht die Projektion verfälscht, also in dunklen, am besten ganz schwarz gestrichenen Räumen, wie sie der Schreiber dieser Zeilen in einer Bibliothek eingerichtet hat (noch ohne Blu ray-Projektion).


Sensio 3-D wird DVD-Standard

28. Januar 2009

Das DVD-Forum hat am 19.1.2009 das 3-D-Verfahren der kanadischen Firma Sensio als einen offiziellen Standard für dreidimensionale Filme auf DVD anerkannt.

Das Verfahren mit dem speziellen Sensio-Chip arbeitet mit dem 60 Hz-Signal des NTSC-Standards und sendet 60 mal in der Sekunde abwechselnd räumlich versetzte Einzelbilder, die von den beiden Augen durch eine sich links und rechts abwechselnd schließende LCD-Brille empfangen werden. Der Schließmechanismus der Brille wird durch ein Infrarot-Signal gesteuert.

Trotz der hohen Qualität des Verfahrens können vorhandene Player und Displays verwendet werden, wenn sie einen Component-Eingang haben und ein Interlaced-Signal ausgeben können. Die Details beschreibt Darryl Wilkinson von Home Theater (November 2003).

Die Filmauswahl ist allerdings noch äußerst schmal und wenig verführerisch. Nick Roddick dazu in Sight & Sound:

„Shapiro nailed the key issue when he said that in future the market will be „driven by content“. Yet while it’s hard to think of any genre (except perhaps pom) that could be enhanced outright by the addition of 3D, most films could be given added value. If I’d wanted to see the U2 film in the first place, I might have wanted to see it a little more in 3D (idem for Beowulf, not so for Chicken Little, Meet the Robinsons or Monster House). In other words, it’s still the story, stupid.

Of course, the same could have been said at the outset for colour and it was certainly the case that once colour became the norm, audiences felt cheated by black and white. Will the same one day be true of 3D? Only, I would guess, if we could ditch the glasses (believed to be some considerable way off). Otherwise, the most 3D is likely to do is broaden the gulf between big-budget, effectsheavy ‚event‘ movies and the rest which is happening anyway. I don’t somehow see Cristian Mungiu or Ken Loach embracing 3D. But the Coen brothers? Maybe.“ (Nick Roddick: Through glasses, darkly. Sight & Sound 4, April 2008, S. 16)

Allerdings würde 3-D das ästhetische Gefüge des zweidimensionalen Films mit seiner Spannung aus realer Fläche und illusionierter Räumlichkeit, die durch den Ton erst Leben gewinnt, entscheidend umstürzen.


Zurückhaltung bei Blu ray-Playern

4. August 2008

Wie „Information Week“ letzte Woche berichtet hat, üben sich die US-amerikansichen Konsumenten weiter in Zurückhaltung beim Kauf von Blu ray-Playern. Das neue High Def-Format wird sich also sehr viel langsamer durchsetzen als erwartet, wie die Recherchen von ABI Research zeigen:

The lukewarm response can be attributed to the fact that consumers don’t see a big enough benefit to justify the cost of switching to a high-definition player, which in many cases would require buying a TV that supports HD content. „Consumers were happy to embrace standard DVD when that format arrived because the improvement in quality over VHS videotapes was dramatic,“ ABI analyst Steve Wilson said in a statement.“ (Information Week: „Consumers Shun Blu-ray-Players“)

Der technische Vorsprung von Blu ray zur Standard Definition-DVD schrumpft zudem durch neue, hochentwickelte DVD-Player, die das Bild auf 1080p hochskalieren können, wie z. B. der neue DV-983H der schwedischen Firma Oppo. Über die Pläne von Toshiba wurde hier ja schon berichtet (weitere Details dazu im „Inquirer“ der letzen Woche: „Toshiba Master Plan Unveiled“ – siehe auch die Diskussion dazu.).


DVD als Filmmedium

31. Juli 2008

Von der britischen Zeitschrift „Covergence“ ist im letzten Jahr (Vol. 13, No. 2, May 2007) ein Sonderheft unter dem Titel „Special Issue: The Consumption and Use of DVDs [add-ons]“ erschienen. Untersucht werden die Besonderheiten des Mediums DVD gegenüber anderen Filmmedien, also die sog. Zusatzfeatures wie Kommentare oder verschiedene Sprachspuren und ihre Nutzung durch das Publikum. Herausgeber Pat Brereton gibt im Editorial einen Überblick:

„Several articles in this issue insinuate how the creation of fan cultures is becoming a global mainstream phenomenon somewhat paradoxically and marshalled by the industry to maximise consumption. DVDs certainly encourage such fan cultures alongside older terms like ‘cinephiles’ and ‘technophiles’ to promote a new digital logic of consumption. Drawing on a typology of new media pleasures (see Kerr et al. 2006), ‘control’ appears to be a defining characteristic of DVD usage and new media critics frequently theorise how this is negotiated in game/play environments. DVDs have become an appropriate technology for a new media-literate generation to apparently extend their home consumption control.“ (Pat Brereton)

Der Jahrgang 2007 ist leider nicht in den kostenlosen Nationallizenzen enthalten, da Sage-Zeitschriften nur bis 2006 erworben wurden.


Beyond the Multiplex

7. Juli 2008

Barbara Klinger hat die noch wenige bekannte Kultur des Heimkinos untersucht. In ihrem Buch „Beyond the Multiplex: Cinema, New Technologies, and the Home“ (University of California Press) nimmt sie sich fünf Aspekte dieser kulturellen Alltagspraxis vor:

  • Die Liebhaber von High End-Technik für das Kino zuhause.
  • Die Sammler von Filmen auf DVD nach der Ära der Videokassette.
  • Das Kabelfernsehen als Medium der nationalen Filmgeschichte am Beispiel von American Movie Classics (AMC).
  • Das Vergnügen, Filme nach eigenen Wünschen mehrfach ansehen zu können.
  • Das Genre des parodistischen Kurzfilms im Web.

Leider werden diese spannenden Themen nicht wirklich erforscht, wie es vielleicht ein Ethnologe mit seinem Instrumentarium machen könnte. Lediglich die Texte der Beteiligten, vowiegend die der Anbieter, werden mit den Methoden der Cultural Studies untersucht. Das gilt vor allem für die ersten drei Kapitel:

„In previous chapters I have concentrated on the home’s discursive construction as an exhibition venue for cinema, registering viewers‘ reactions indirectly through industry sources, newspaper and magazine articles, Web sites, and scholarly accounts.“ (Barbara Klinger, S. 137)

Daraus entsteht ein Bild, das sich nur teilweise mit der Wirklichkeit einer neuen Medienpraxis deckt, da es lediglich die Absichten der Medienindustrie reflektiert. Die ehemaligen Konsumenten sind jedoch mit den Instrumenten, die das Internet bietet, aus ihrer passiven Rolle herausgetreten und beeinflussen mit ihrer eigenständigen Öffentlichkeit in Foren, Blogs und anderen Webangeboten über nationale Grenzen hinweg nachweislich so stark die Publikationspraxis der Medienindustrie, dass man von einer neuen Art von Filmkultur sprechen kann (siehe „The 21st Century Cinephile“). Das gerät in solchen Studien reiner Textexegese jedoch aus dem Blick.

Wissenschaftliche Arbeiten, die mit Begriffen wie „textual“, „narrative“, „rhetoric“, „discursive“ hantieren, sind also mit Vorsicht zu genießen. Ihr Erkenntniswert ist eingeschränkt. Die Literaturliste und der Anmerkungsapparat in Barabara Klingers Buch sind jedoch sehr lohnend.