Video Essays: Kevin B. Lee kommt zur Berlinale

4. Februar 2016

Nachdenken über Filme mit filmischen Mitteln – das sind Video-Essays. Kevin B. Lee ist einer der eifrigsten  Propagandisten und selbst einer der profiliertesten Macher dieser neuen Form der Auseinandersetzung mit Film. Wir hatten hier schon auf seine Bestenauswahl für das vergangene Jahr hingewiesen.

Nun kann man ihn zusammen mit dem koreanischen Video-Essayisten Kogonada auf der Berlinale erleben. In Reference to: Visual essays  heißt die Veranstaltung, auf der beide ihre Arbeit vorstellen und diskutieren wollen:

„Recent years have seen the increased popularity of short online videos that explore films or the œuvre of a director by reworking and commenting on shots and scenes to reveal new insights. These visual essays – produced by everybody from fans to film critics and academics – quote, remix, pay homage and draw references between movies, film history, journalism and pop culture. Both hailed internationally as kings of the video essay, Kevin B. Lee (vimeo.com/kevinblee) and kogonada (kogonada.com) come to Berlin to discuss their aesthetic and practical approaches to an exciting means of expression, which they have developed into an independent variety of cinematic art.“ (Berlinale)


Die besten Video Essays 2015 vorgestellt von Kevin B. Lee

20. Dezember 2015

Filmanalyse und Filmkritik auf Video, dafür steht Kevin B. Lee. Im Blog Keyframe des Streaming-Anbieters Fandor präsentiert er jetzt seine Umfrage unter Video-Essayisten und Filmkuratoren nach den besten Essays dieses Jahres, Poll: The Best Video Essays of 2015. Die Fülle und Vielfalt der Auswahl zeigt, wie sehr sich dieses Genre der Filmanalyse inzwischen etabliert hat. Lee spricht sogar vom Erscheinen einer Supernova in diesem Jahr. Wie dem auch sei, viel Stoff für eine spannende Auseinandersetzung mit Film – man vergleiche dazu auch seine Bilanz für 2014.


Histoire(s) du Cinéma aus Australien

26. Januar 2012

Godards großer Kinoessay (Interview) ist in verschiedenen Fassungen auf DVD erschienen, die französische (Kritik), in der nur die Hauptstimme englisch untertitelt ist, mit ihren Beigaben (zwei Pressekonferenzen mit Jean-Luc Godard  und die von Anne-Marie Miéville erstellte Film-Geschichte „2 x 50 Jahre des französischen Kinos), die britische mit ihrer akribischen Übersetzung auch der Dialoge der Filmzitate, die spanische und amerikanische (Kritik), die deutsche nur in der synchronisierten Fassung (mit einem Text von Klaus Theweleit) und die neidvoll beäugte, aber für nicht des Japanischen Kundige unzugängliche erste DVD-Ausgabe überhaupt in Japan. Diese weist alle Zitate in pop-ups nach, die man auf Wunsch an den jeweiligen Stellen anklicken kann. Für die Nachweise ist man sonst auf die Liste von Céline Scemana angewiesen.

Doch seit letztem Jahr gibt es die australische Ausgabe von Madman Entertainment, für die Adrian Martin und Felicity Chaplin von der Monash University alle  Zitate – Filme, Musik und Texte – in einer gesonderten englischen Untertitelspur identifiziert haben – ein wesentliches Element für das Verständnis dieses Werks, das nicht nur formal auf der Montage als filmische Technik gründet:

„Godards Arbeit an der Geschichte und den Geschichten des Kinos in Histoire(s) du Cinéma (F 1988–1998) geht davon aus, dass Kino aus eigener Kraft Geschichte hervorbringt, dass der Film die Geschichte und das Gedächtnis des 20. Jahrhunderts verändert hat und dass die große, die einzige Erfindung des Kinos die Montage war. Das Kino ermöglicht – durch Montage von Kinogeschichte(n) mit Geschichte – eine andere Form zu denken, ein filmisches Denken in Bildern. Um diese Form, diese Bilder des Denkens (und nicht etwa um Chronologie) geht es Godard in den Histoire(s) du Cinéma.“ Kino Arsenal

Und auch für Spiegel-Journalisten dürfte es nun einfacher werden:

»„Geschichte(n) des Kinos“ ist eine multimediale Collage. … Ein Bildersturm, von dem man sich überwältigen lassen muss oder entnervt den Faden verliert. Aber versucht man alle Zitate in Godards Monstercollage zu erkennen, wird das Werk zu einem rasanten Ratespiel für Film-Nerds.« SPIEGEL ONLINE

Auf die  Entstehungsgeschichte von Godard’s Filmessay geht dieser französische Text des Ciné-club de Caen ein.


John Hughes über Walter Benjamin

14. August 2009

Vor einer Woche ist John Hughes im Alter von erst 59 Jahren gestorben. Christian Liemke hat in seinem Blog DVDuell einige Verweise zu diesem Regisseur zusammengetragen, der in seinen Teenager-Filmen der Jugendkultur der achtziger Jahre Ausdruck verliehen hat.

Dies ist vielleicht eine Gelegenheit, auf ein weniger bekanntes Werk von John Hughes mit einem erstaunlichen Thema hinzuweisen, den Filmessay „One Way Street“ (Einbahnstraße) über Leben, Werk und Schicksal Walter Benjamins :

„ONE WAY STREET explores the life and work of German Jewish critic and philosopher, Walter Benjamin, who died escaping the Gestapo in 1940. Although Benjamin’s work is little known in this country, he is regarded in Europe as one of the most influential figures in 20th Century thought.

ONE WAY STREET provides clear and accessible introductions to some of the central ideas in Benjamin’s writings. Expert commentary from a range of English scholars situate Benjamin’s work in the context of their time and evoke a sense of the excitement that his work has generated. A heightened visual style, montage structure and strong musical treatments correspond in evocative and powerful ways with the concerns and the strategies of Benjamin himself.“ (Ronin Films)

Die DVD ist in Australien bei dem renommierten Vertrieb Ronin Films erschienen.

Susanna Scarparo hat eine Kritik zu diesem Film geschrieben. Sie zitiert John Hughes „history brakes down into images, not into stories“ und schlussfolgert: „… it breaks into dialectical images, into fragments of the dreams of the past.“ So hat der Regisseur denn auch seinen Film angelegt:

„The character „Benjamin“, as a human being and as a philosopher, is portrayed through many different media and voices. „Benjamin“ is played by one male and two female actors, and one of the two female actors also plays Asja, shows us photographs of him and talks about him. In addition, Benjamin’s philosophical argument is presented by means of written quotations, and by four experts talking about him and his writings. Moreover, we also, presumably, see his „real“ image through several photographs of himself and his family. Thus, Benjamin himself, as well as his „history“ are fragmented into images, not into stories.“ (Susanna Scarparo: „An Analysis of the Video One Way Street and of Walter Benjamin’s Dialectical Thinking“)

Nachtrag vom 15.8.2009: Kein Wunder, dass „One Way Street“ ein „weniger bekanntes Werk des verstorbenen Regisseurs John Hughes“ ist – besser gesagt, es ist völlig unbekannt, denn es exisitiert gar nicht in seinem Werkverzeichnis. Robert Fischer hat ganz zurecht auf den entscheidenden Fehler hingewiesen: Der Film über Walter Benjamin stammt von John Hughes, einem australischen Dokumentarfilmer:

John Hughes and Cindy Clarkson packings DVDs („Time to Go, John“)

Es ist interessant, diesen Dokumentaristen kennenzulernen. Er hat sich z. B. an dem Omnibusfilm „Time to Go, John“ beteiligt, der Teil einer Kampagne australischer Filmemacher gegen den dortigen Premierminister John Howard war. Howard verlor schließlich die Wahlen von 2007 und musste sein Regierungsamt aufgeben. Ungewöhnlich war die Vertriebskampagne für den Film, die im wesentlichen auf dem Versand von DVDs basierte:

“ As well as the production of the film itself the team of filmmakers also had to work out how to self-distribute the film nationally as well as trying to get it screening in marginal seats. The response from many cinemas was positive and a national premiere secured. In addition, a strategy was devised to get the film circulated through special “house-party” screenings, hosted by individuals in their homes or at local social clubs. With the motivation of reaching the widest audience possible it was also decided that the films should be available for viewing online.
All of this had to be done in seven weeks and with absolutely no budget, not a cent. With so many things to organise in such a short time fame many may have shied from the challenge but the collective felt it would have been “un-Australian” not to attempt to achieve a goal they all felt so compelled by.

Time To Go John is a result of the commitment and passion of the people who contributed to the production of this film. Thank you to the people involved, to all Aussie battlers dedicated to a better future. Well done for dreaming up Time To Go John and delivering as promised. The film is dedicated to all the people across Australia who dared to stand up and be counted.“ (Website „Time to Go, John“)


La Rabbia – Der Zorn

21. Juli 2009

Ein seltener Film von Pier Paolo Pasolini ist in Italien nun endlich auf DVD mit englischen Untertiteln zugänglich. „La Rabbia“ war bisher nur bei MK2 („La rage“, italienisch mit franz. Untertiteln) oder früher als VHS in Argentinien bei Blakman (italienisch mit span. Untertiteln) erhältlich.

„Mein Ehrgeiz war die Erfindung eines neuen Genres: ein Film als ideologisch-poetischer Essay…“ , das war die erklärte Absicht Pasolinis mit diesem Werk:

„La Rabbia“ nimmt nicht nur wegen des politischen Skandals von Pasolinis „Naivität“, welche die gesamte Linke gegen ihn aufbrachte, eine besondere Stellung in seinem Oeuvre ein.

Aus 90.000 Metern Wochenschaumaterial („fürchterlich banal und völlig reaktionär“) hat er die Bilder seines fünfzigminuetigen Filmes ausgewählt. Diese Wochenschausequenzen, die am stärksten seinen Montagezugriff in jener Sequenz spüren lassen, die dem Tod Marilyn Monroes gewidmet sind („das einzige, was es wert wäre, es zu erhalten“), ist ein teils pathetischer, teils elegischer Text des Lyrikers Pasolini unterlegt, der von Giorgio Bassani (Die Gärten der Finzi-Contini) und dem Maler Renato Guttuso gesprochen wird.

„Die Welt als Scherbenhaufen“ (H. M. Enzensberger über Ästhetik und Politik der Wochenschau), welche Pasolini in „La Rabbia“ mosaikartig aufschichtet, bietet die Erscheinung eines gärenden Bilderstroms von Flucht, Elend, Tortur, Mord und Tanz auf einem Vulkan. Es sind eruptive Protuberanzen eines komplexen Prozesses: der Hunger der Dritten Welt, ihr Kampf mit dem Kolonialismus, der Rassismus und Lynchjustiz, der Antikommunismus, den Pasolini später „Konsumismus“ nennen wird. “ (aus: Pier Paolo Pasolini, Hanser Reihe Film 12. Werkleitz)

Bei „La Rabbia“ kommt einem spontan ein ähnlich angelegter Film in den Sinn, ebenfalls auf Wochenschaumaterial basierend: „Der gewöhnliche Faschismus“ vom Michail Romm.

„La Rabbia“ löste bei seiner Erstaufführung einen massiven Protest italienischer Schriftsteller und Intellektueller aus, darunter Alberto Moravia. Der Produzent Gastone Ferranti war mit den politisch-gesellschaftskritischen Aussagen Pasolinis unzufrieden gewesen und hatte den „Don Camillo und Peppone“-Autor Giovanni Guareschi einen zweiten Teil des Films anfügen lassen, dem faschistisches Gedankengut vorgeworfen wurde. Die zweiteilige Version des Films wurde daraufhin vom Produzenten selbst aus dem Verleih genommen (nach 3Sat).

Raro-Video hat 2 DVDs herausgebracht, die restaurierte zweiteilige Fassung mit den beiden Filmen von Pasolini und Guareschi (1963) und eine Rekonstruktion des Films von Pasolini durch Giuseppe Bertolucci (2008):

„La Rabbia“

„La Rabbia‘ employs documentary footage (from the 1950’s) and accompanying commentary to attempt to answer the existential question: Why are our lives characterized by discontent, anguish, and fear? The film is in two completely separate parts, and the directors of these respective sections, left-wing Pier Paolo Pasolini and conservative Giovanni Guareschi, offer the viewer contrasting analyses of and prescriptions for modern society. “ (Raro Video)

„La Rabbia di Pasolini“
„The extended version of the original LA RABBIA of Pier Paolo Pasolini, with the touching reconstruction of unseen footage and critics originally created by The Poet and later cut in the version with Giovanni Guareschi theatrically released. “ (Raro Video)

Pasolini hatte seinen Filmteil auf 53 Minuten gekürzt, um Platz für Guareschi zu schaffen. Ähnlich wie man die originale Partitur der Filmmusik für die Rekonstruktion von Stummfilmen heranzieht, hat Bertolucci hier den ursprünglichen Kommentar von Pasolini, der schriftlich vorliegt, als Grundlage seiner Rekonstruktion genommen. Die neue Fassung ist 83 Minuten lang und besteht aus vier Teilen: Einer Einführung Bertoluccis (2 Min.), einer neuen Montage von Wochenschaumaterial passend zu Pasolinis Text (16 Min.), der restaurierten Version von 1963 (53 Min.), und einem Anhang mit dem Titel „L‘ aria del tempo“ (12 Min.).

Informationen:

Die beiden DVDs von Raro Video, „La Rabbia““ und „La Rabbia di Pasolini“ sind auf dem letzten Festival Il Cinema Ritrovato in Bologna in der Sektion “Best Rediscovery of Forgotten Films” ausgezeichnet worden:

“These two DVDs shed light on a film that had been sentenced to silence by ideological divisions and by doing so have brought a Pasolini project to life, when it would have otherwise remained on paper forever. ” (Il Cinema Ritrovato DVD Awards 2009)


Alexander Kluge Direct-to-DVD

11. Mai 2009

  „Woran arbeiten sie gerade?“ , fragte DIE ZEIT einige Prominente zum „Tag der Arbeit“. Alexander Kluge arbeitet an Filmen, die ohne ‚Umwege direkt auf DVD erscheinen, nämlich in der Filmedition Suhrkamp. Autorenfilm ist jetzt also wörtlich zu nehmen. So wie er als Autor für eine Buchpublikation schreibt, filmt er jetzt für die DVD-Ausgabe:

 

“ Zur gleichen Zeit, geplant für eine Publikation in der Suhrkamp Film Edition, arbeite ich an einem Filmzusammenhang mit dem Titel Früchte des Vertrauens. Die Finanzkrise, Adam Smith, Keynes, Marx: Worauf kann man sich verlassen? Für mich gehören solche mehrstündigen Produkte ebenso wie Minutenfilme zu dem, was ich unter Film verstehe: In Fortsetzung der Nachrichten aus der ideologischen Antike. Was ist der Gegenpol zur Finanzkrise? Was kann man für Geld nicht kaufen? Sind die Kollateralschäden der Finanzkrise schlimmer als die Krise selbst? Solche Krisen können gesellschaftliche Monstren schaffen, wie zwischen 1929 und 1945. Es geht aber auch um die glückliche Seite des Geldes. 1948 habe ich mich über die 40 DM, die jeder Erdenbürger in unserem Land als Einstand erhielt, gefreut.

Vermutlich kann man Geld und Freiheit nicht voneinander trennen, denn Geld bezeichnet Verträge, in denen alles, was ich nicht kaufe, zuverlässig ausgeschlossen bleibt. Wie schlimm sind Verträge, in denen ich das, was ich nicht will, trotzdem zugeteilt erhalte? Das alles muss man mit und ohne Schauspieler in Filmszenen und Montagen, mit klugen Leuten wie Nobelpreisträger Stiglitz, Dirk Baecker, Joseph Vogl, aber auch mit gelernten Anatomen wie Josef Hader oder Helge Schneider herausfinden.“ (Alexander Kluge in DIE ZEIT)

Dies wird bereits der zweite Essayfilm sein, den Alexander Kluge direkt für eine DVD-Publikation produziert. Die 3 DVDs „Nachrichten aus der ideologischen Antike. Marx – Eisenstein – Das Kapital“ mit 570 Minuten Laufzeit sind jedenfalls beim Publikum auf großes Interesse gestoßen. In Bibliotheken wachsen die Vorbestellungen in astronomische Höhen (ZLB Berlin 44 Vorbestellungen!). Diese neue Form des Filmens für eine DVD-Publikation fasziniert offenbar:

„Eisenstein schrieb tatsächlich in seinen theoretischen Schriften zum Kino beinahe verzweifelt eine Zukunft herbei, die seinen Filmidealen endlich die geeigneten Mittel zur Verfügung stellen würde: quadratische Leinwände zum Beispiel. Kluge ist einer der wenigen Regisseure, die das Glück haben, in der Lage zu sein, dass das vorhandene Material dem eigenen Schaffen entspricht – er ist der Meister des Bildschirms, der fernsehgerechten Form. Das macht die DVD zum genau richtigen Medium für sein Werk. Von der gewiss schwer durchstehbaren Vorführung eines neunstündigen Films dieser Art im Kino einmal ganz zu schweigen…

Zuletzt die Frage: Waren neun Stunden wirklich nötig? Die Antwort lautet: Ja. Und mehr wären schön gewesen, denn je länger man sich auf das Marx-Potpourri einlässt, desto intensiver zeigt sich, wie sehr „Das Kapital“ die Moderne geprägt hat – und vor allem Menschen. Alles, was das Menschsein berührt, ist der Analyse wert.“ (Andreas Platthaus in der FAZ)


Tag Gallagher bei Entuziazm

6. Mai 2009

Am Freitag dieser Woche ist der Filmhistoriker Tag Gallagher im Berliner Arsenal zu Gast. In der Reihe „Kunst der Vermittlung. Aus den Archiven des Filmvermittelnden Films“ stellt er 3 seiner analytischen Video-Essays vor, die auf DVDs in verschiedenen Ländern erschienen sind:

„Der Amerikaner Tag Gallager, Autor von großen Studien zu John Ford und Roberto Rossellini, produziert seit einigen Jahren Video-Essays als Begleitmaterial von DVDs, in denen eine unverkennbare Autorenposition formuliert ist. Unterschiedliches Material wird mit verschiedenartigen Eingriffen in die Bilder des Films selbst montiert und zu einer neuartigen, persönlichen filmvermittelnden Form verbunden.
Drei dieser solitären Essays – zu Filmen von John Ford, Roberto Rossellini und Max Ophüls – werden im Programm gezeigt und in einem anschließenden Gespräch mit Tag Gallagher diskutiert:

Video-Essays von Tag Gallgher (mit Links zu lieferbaren DVDs):

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