Protagonist von Jessica Wu

In den USA ist der Film „Protagonist“ (2006) von Jessica Wu auf DVD erschienen. Basierend auf den Theaterstücken von Euripides, deren Schlüsselszenen mit Puppen nachgespielt werden, analysiert Jessica Wu die menschliche Neigung zu Besessenheit und Extremismus im Gespräch mit vier Männern, die in ihrem Leben solche Erfahrungen gemacht haben: einem deutschen Terroristen (Hans-Joachim Klein), der sich dem Dogma der Gewalt schließlich verweigerte, einem Bankräuber, der in seiner Kindheit mißbraucht wurde, einem „ex-schwulen“ Evangelisten, der sich dann doch zu seiner Homosexualität bekannte, und einem mißachteten Jungen, der Martial Arts-Schüler wurde:

… as their stories unfold, one starts to see the parallels between the uncommon, common experience of these four men. Each character embarks on a journey for valid reasons, only to find himself so deeply embedded in the cause that he becomes the opposite of what he had intended. He is blind to this fact, though, until the forces of fate and character boil and distill to a single moment of dark epiphany. In telling this echoing story, the film asks: what is the path to extremism? In responding to the turmoil of life, where does one draw the line between the reasonable and the unreasonable? And how does one recover from the delusion of certainty?“ (Jessica Wu)

Der formal innovative Film macht auf verblüffende Weise die offenbar immerwährende Aktualität von Euripides deutlich:

“ Paradoxically proving through innovation that there’s nothing new under the sun, director Jessica Yu (In the Realms of the Unreal) craftily co-opts and builds upon the intertwining, disparate talking-head structure of Errol Morris’s Fast, Cheap & Out of Control to illustrate how a modern life can follow the same trajectory as a classic hero’s journey. Inspired by an absurdly challenging request to make a doc about the Greek tragedian Euripides, Yu’s alternative approach was to deconstruct the playwright’s ideas through an articulate, motley quartet of extremist personalities… Yu’s rousing, difficult-to-classify exercise in parallel storytelling is surprisingly accessible, and all the more insightful for it. (Aaron Hillis, Village Voice)

Nachtrag vom 7.10.2008: Letzten Sonntag in den Münchner Kammerspielen: Das Stück zum Film oder auch umgekehrt – Tom Lanoyes „Mamma Medea“ in der Inszenierung von Stephan Kimmig. Nur die ersten zehn Reihen des Zuschauerraums waren gefüllt. Bei solcher Nähe traf einen die Wucht des Spiels von Sandra Hüller noch unvermittelter in dieser quasi privaten Aufführung von Euripides aktualisierter Tragödie über die Mechanik von Fanatismus und Opportunismus. Vor der Folie des Films sieht man die Interpretation von Tom Lanoye und Stephan Kimmig glasklar.

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