La Rabbia – Der Zorn

Ein seltener Film von Pier Paolo Pasolini ist in Italien nun endlich auf DVD mit englischen Untertiteln zugänglich. „La Rabbia“ war bisher nur bei MK2 („La rage“, italienisch mit franz. Untertiteln) oder früher als VHS in Argentinien bei Blakman (italienisch mit span. Untertiteln) erhältlich.

„Mein Ehrgeiz war die Erfindung eines neuen Genres: ein Film als ideologisch-poetischer Essay…“ , das war die erklärte Absicht Pasolinis mit diesem Werk:

„La Rabbia“ nimmt nicht nur wegen des politischen Skandals von Pasolinis „Naivität“, welche die gesamte Linke gegen ihn aufbrachte, eine besondere Stellung in seinem Oeuvre ein.

Aus 90.000 Metern Wochenschaumaterial („fürchterlich banal und völlig reaktionär“) hat er die Bilder seines fünfzigminuetigen Filmes ausgewählt. Diese Wochenschausequenzen, die am stärksten seinen Montagezugriff in jener Sequenz spüren lassen, die dem Tod Marilyn Monroes gewidmet sind („das einzige, was es wert wäre, es zu erhalten“), ist ein teils pathetischer, teils elegischer Text des Lyrikers Pasolini unterlegt, der von Giorgio Bassani (Die Gärten der Finzi-Contini) und dem Maler Renato Guttuso gesprochen wird.

„Die Welt als Scherbenhaufen“ (H. M. Enzensberger über Ästhetik und Politik der Wochenschau), welche Pasolini in „La Rabbia“ mosaikartig aufschichtet, bietet die Erscheinung eines gärenden Bilderstroms von Flucht, Elend, Tortur, Mord und Tanz auf einem Vulkan. Es sind eruptive Protuberanzen eines komplexen Prozesses: der Hunger der Dritten Welt, ihr Kampf mit dem Kolonialismus, der Rassismus und Lynchjustiz, der Antikommunismus, den Pasolini später „Konsumismus“ nennen wird. “ (aus: Pier Paolo Pasolini, Hanser Reihe Film 12. Werkleitz)

Bei „La Rabbia“ kommt einem spontan ein ähnlich angelegter Film in den Sinn, ebenfalls auf Wochenschaumaterial basierend: „Der gewöhnliche Faschismus“ vom Michail Romm.

„La Rabbia“ löste bei seiner Erstaufführung einen massiven Protest italienischer Schriftsteller und Intellektueller aus, darunter Alberto Moravia. Der Produzent Gastone Ferranti war mit den politisch-gesellschaftskritischen Aussagen Pasolinis unzufrieden gewesen und hatte den „Don Camillo und Peppone“-Autor Giovanni Guareschi einen zweiten Teil des Films anfügen lassen, dem faschistisches Gedankengut vorgeworfen wurde. Die zweiteilige Version des Films wurde daraufhin vom Produzenten selbst aus dem Verleih genommen (nach 3Sat).

Raro-Video hat 2 DVDs herausgebracht, die restaurierte zweiteilige Fassung mit den beiden Filmen von Pasolini und Guareschi (1963) und eine Rekonstruktion des Films von Pasolini durch Giuseppe Bertolucci (2008):

„La Rabbia“

„La Rabbia‘ employs documentary footage (from the 1950’s) and accompanying commentary to attempt to answer the existential question: Why are our lives characterized by discontent, anguish, and fear? The film is in two completely separate parts, and the directors of these respective sections, left-wing Pier Paolo Pasolini and conservative Giovanni Guareschi, offer the viewer contrasting analyses of and prescriptions for modern society. “ (Raro Video)

„La Rabbia di Pasolini“
„The extended version of the original LA RABBIA of Pier Paolo Pasolini, with the touching reconstruction of unseen footage and critics originally created by The Poet and later cut in the version with Giovanni Guareschi theatrically released. “ (Raro Video)

Pasolini hatte seinen Filmteil auf 53 Minuten gekürzt, um Platz für Guareschi zu schaffen. Ähnlich wie man die originale Partitur der Filmmusik für die Rekonstruktion von Stummfilmen heranzieht, hat Bertolucci hier den ursprünglichen Kommentar von Pasolini, der schriftlich vorliegt, als Grundlage seiner Rekonstruktion genommen. Die neue Fassung ist 83 Minuten lang und besteht aus vier Teilen: Einer Einführung Bertoluccis (2 Min.), einer neuen Montage von Wochenschaumaterial passend zu Pasolinis Text (16 Min.), der restaurierten Version von 1963 (53 Min.), und einem Anhang mit dem Titel „L‘ aria del tempo“ (12 Min.).

Informationen:

Die beiden DVDs von Raro Video, „La Rabbia““ und „La Rabbia di Pasolini“ sind auf dem letzten Festival Il Cinema Ritrovato in Bologna in der Sektion “Best Rediscovery of Forgotten Films” ausgezeichnet worden:

“These two DVDs shed light on a film that had been sentenced to silence by ideological divisions and by doing so have brought a Pasolini project to life, when it would have otherwise remained on paper forever. ” (Il Cinema Ritrovato DVD Awards 2009)

Eine Antwort zu La Rabbia – Der Zorn

  1. Tom Briele sagt:

    Danke für die Hintergrundinformationen. Auch 3,5 Jahre später für mich noch nützlich. Ich schaue heute abend eine alte 3Sat-Fassung des Films mit deutschen Untertiteln und kann nun dank Ihnen einige kluge Einleitungsworte verlesen.
    Herzlichst Tom Briele

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