John Gianvito

27. November 2009 von dvdbiblog

In der aktuellen Kolumne „Historical Meditations in Two Films by John Gianvito“ weist Jonathan Rosenbaum in seinem Blog auf die beiden Filme des kaum bekannten Filmemachers John Gianvito hin, „The Mad Songs of Fernanda Hussein“ (deutsch) und „Profit Motive and the Whispering Wind“ (deutsch). Den ersten, ein Spielfilm über drei Protagonisten des US-amerikanischen Lebensgefühls zur Zeit des ersten Golfkriegs, zählt Rosenbaum zu den wichtigsten Independent-Filmen des letzten Jahrzehnts:

„… this feature remains for me one of the key American independent … features of the past decade, and it’s hard for me to think of another that’s more personally important to me.“ (Jonathan Rosenbaum)

Der zweite ist ein meditativer Dokumentarfilm über den Gräbern von Vorkämpfern für eine gerechtere Gesellschaft:

„Never morbid, and too gentle to qualify as strictly didactic, Profit Motive invites us to accompany Gianvito on a casual, fact-finding tour of American history that’s as much concerned with what is lost as what is found.“ (Jonathan Rosenbaum)

… ein lesenswerter kleiner Essay, der einen wenig beachteten Filmemacher hervorhebt.

„The Mad Songs of Fernanda Hussein“ ist nur noch als Rarität auf DVD erhältlich, „Profit Motive and the Whispering Wind“ dagegen bei Mailorder-Vertieben in den USA ganz normal lieferbar.

Miss Mend – ein Sowjet-Serial

23. November 2009 von dvdbiblog

Im Dezember erscheint das sowjetische Stummfilmserial „Miss Mend“ von 1926 bei Flicker Alley auf DVD. Die drei Profis David Shepard von Blackhawk Films, Jefferey Masino von Flicker Alley und Eric Lange von Lobster Film haben mit der Restaurierung dieses 4 1/2 stündigen Films wieder einen großen Coup gelandet.

Damit wird ein weiteres Werk der privaten Gesellschaft Meschrapom zugänglich, die Willi Münzenbergs Internationaler Arbeiterhilfe gehörte und die durch eine gewisse Unabhängigkeit künstlerisch interessante Filme produzieren konnte – kein Wunder also, dass auch dieser Film wieder die Kritik der Betonköpfe in der Sowjetunion erntete:

„Flicker Alley, in collaboration with Blackhawk Films and Turner Classic Movies, is proud to present the astonishing Miss Mend, a 1926 three-part serial / adventure film from Soviet directors Boris Barnet and Fedor Ozep.
Widely regarded by the official Soviet press of the time as a prime example of shameless “Western-style” entertainment, the serial was nevertheless hugely popular, becoming one of the most successful Soviet films of the 1920s. Miss Mend is an energetic, fast-moving serial which opens a window on the phenomenon of Soviet Americanism and reveals a little-known side of early Soviet cinema. This new edition was mastered in high definition from superb original 35mm elements produced by David Shepard and Jeffery Masino, with digital restoration and editing being carried out by Eric Lange of Lobster Films, Paris. Featuring a “dream cast” of 1920s Soviet films stars and special bonus features by film historians Ana Olenina and Maxim Pozdorovkin.“ (Flicker Alley)

Mit dieser Edition wird auch dem bei uns wenig bekannten Regisseur Boris Barnet ein Denkmal gesetzt:

„Der Boxer, Schauspieler und Filmregisseur Boris Barnet (1902 – 1965) zählt zu den großen Meistern des russischen Kinos, doch sein Name und sein Werk gelten im Westen immer noch als Geheimtipp. Sein bevorzugter, zwischen Satire und Lyrik schwankender, Stil hat Vergleiche mit Lubitsch, Hawks und Tschechow nicht zu scheuen. Dies trifft den ganz eigenen, manchmal exzentrischen Ton seines Werks aber nur zum Teil, denn wie kein anderer umgibt er so genannte Alltagsstoffe mit emphatischem Witz, mit Schönheit und Charme. Dazu schuf er Charaktere, die diese Welt mit einer unerklärlichen Eleganz durchqueren. Boris Barnets traumwandlerisches und populäres Kino passte nicht zur sowjetischen Doktrin der 30er Jahre. Er wurde politisch diskreditiert und konnte seine folgenden Projekte zumeist nur unter Mühen und großem diplomatischen Aufwand realisieren. Obwohl solch herausragende Filme wie „Goldener Sommer“ (1951), „Aljonka“ (1961) oder „Heldentaten eines Kundschafters“ zu Kassenschlagern wurden, war Barnet selbst von seinem Scheitern überzeugt – und beging 1965 Selbstmord.“ (Arte TV)

Der andere Regisseur des Films, Fedor Ozep, war eine zentrale Figur bei Meschrapom-Rus. Nachdem er als Drehbuchautor zu einigen bedeutenden Filmen der Gesellschaft beigetragen hatte, war „Miss Mend“ seine erste Regiearbeit.

Willy-Haas-Preis 2009

17. November 2009 von dvdbiblog

Auf dem Festival des deutschen Filmerbes Cinefest in Hamburg wird dieses Jahr wieder der Willy-Haas-Preis für eine bedeutende Publikation zum deutschsprachigen Film vergeben. In der Kategorie DVD sind nominiert:

film & kunst GmbH. Edition Filmmuseum 39. Filmmuseum München, Bundesarchiv-Filmarchiv, ZDF/Arte.
Neben den zwei wichtigsten Filmen Ruttmanns enthält die Edition auch seine Farb- und Musikexperimente 1921-31. Der ROM-Bereich ermöglicht den Zugriff auf zeitgenössische Artikel, Veröffentlichungen und Quellen. Dies Material bietet einen neuen Zugang zum frühen Werk Ruttmanns.

film & kunst GmbH. Edition Filmmuseum 41. Filmmuseum München, Goethe-Institut München.
Der Klassiker des expressionistischen Kinos wurde gleich nach der Premiere verstümmelt und vergessen. Das Filmmuseum München hat Reinerts Film umfangreich restauriert; die Musikbegleitung stammt von Joachim Bärenz. Die DVD liefert außerdem Bonusmaterial wie den Szenenvergleich verschiedener erhaltener Fassungen, Plakate und Fotos und dokumentarische Aufnahmen der Münchener Räterepublik. Die Broschüre erläutert die Restaurierung und gibt eine historische Einordnung des Films.

Kinowelt
Der Filmverlag der Autoren war der wichtige Verleih und Produzent für den Neuen Deutschen Film. Es ist ein ambitioniertes Projekt, 50 seiner Filme zu veröffentlichen, davon fast die Hälfte als Erstveröffentlichung. So wird ein bedeutendes Kapitel deutscher Filmgeschichte verfügbar.

Filmarchiv Austria (Film + Text 10) + Buch: Armin Loacker (Hg.): Wien, die Inflation und das Elend. Essays und Materialien zum Stummfilm Die freudlose Gasse.
Das Filmarchiv Austria überzeugt seit langem mit seinen sehr sorgfältig editierten Ausgaben von DVDs und Begleitbüchern. Die Edition von G. W. Pabsts Stummfilmklassiker ist eine Annäherung an das vielfach durch die Zensur verstümmelte Original. Sie besticht durch die technische Qualität der viragierten Fassung und überrascht durch ihre experimentelle Vertonung. Das Begleitbuch vertieft die Analyse des Films aus verschiedenen Perspektiven und bietet eine Grundlage für eine ernsthafte Auseinandersetzung mit dem Film.

absolutMedien
Harun Farocki gehört – auch international – zu den anerkanntesten deutschen Dokumentaristen der letzten Jahrzehnte. Diese Edition veröffentlicht 20 seiner wichtigsten Werke und ermöglicht endlich eine intensive Auseinandersetzung mit seinen oft provokativen Filmen, für die er einen spezifischen essayistischen Stil entwickelt hat. (Cinefest)

Der Sieger wird morgen zur Eröffnung des Kongresses bekannt gegeben. Es ist kein Zufall, dass zweimal das deutsche Spitzenlabel Edition Filmmuseum vertreten ist, neben den anderen deutschen Topverlegern Absolut Medien und Kinowelt – Arthaus, dazu aus Österreich das ehrgeizige Filmarchiv Austria.

Doch ebenso bedeutend wie diese nominierten Filme ist die DVD, die zum Kongressthema „Schatten des Krieges“ erscheint. Sie wird nämlich „Liebe 47″ von Wolfgang Liebeneiner nach dem Stück „Draußen vor der Tür“ von Wolfgang Borchert enthalten.

Dieser häufig gesuchte Film ist damit zum ersten Mal auf dem Videomarkt zugänglich.

 

Nachtrag vom 20.11.2009: Ausgewählt wurde Die freudlose Gasse.  („Ostholstein“)

The Betrayal – Nerakhoon

13. November 2009 von dvdbiblog

Einer der herausragenden Dokumentarfilme des letzten Jahres ist wieder auf DVD lieferbar: „The Betrayal (Nerakhoon)“ (Berlinale PDF), die erste Regiearbeit von Kamerafrau Ellen Kuras und Thavisouk Phrasavath, ein Werk von großer visueller Kraft, das über 23 Jahre gedreht wurde. Es beschreibt die Odyssee einer Familie aus dem Krieg in Laos in den Krieg der Ghettos von New York:

„Made in collaboration with Thavisouk Phrasavath, a Laotian-born writer and film editor, „The Betrayal (Nerakhoon)“ could be described as a family documentary. But that phrase doesn’t do this beautiful picture justice, in a variety of ways. Over the course of its 96 minutes, „The Betrayal“ does indeed tell the story of how 12-year-old Phravasath escaped from Laos in 1979 — by swimming across the Mekong River to Thailand — and eventually brought his mother and seven of his nine siblings with him to an ambiguous new life in New York.

Instead of the paradisiacal land of enormous lawns they’d been expecting to see in America, the Phravasath family found themselves in a filthy, overcrowded neighborhood of Brooklyn, N.Y., terrorized by crack addicts and gang members. Phravasath remembers thinking, when he first saw Flatbush Avenue, that they must have boarded the wrong plane and arrived on the wrong continent. His mother, in many ways the dominant figure in the film, insists that if she’d known what America was really like, she’d have stayed at home, even under the impoverishment and tyranny of Laos’ 1980s communist regime.“ (Andrew O’Hehir: Strangers in a Strange Land, salon.com)


Tie Xi Qu: West of the Tracks

6. November 2009 von dvdbiblog

Das nahezu 10- stündige Dokumentarepos über den Niedergang einer Schwerindustrieregion in China ist jetzt in der Reihe der Tiger Releases für November 2009 angekündigt. Tie Xi Qu: West of the Tracks (Tiexi- Distrikt – 1. Teil) stellt das Schicksal dreier Fabriken und die mit ihnen verbundenen Arbeiterschicksale vor. Bing Wang dokumentiert eindringlich, mit welcher Gewalt gegen die betroffenen Menschen der wirtschaftliche Umwandlungsprozess in China einhergeht:

„Ein Jahrhundert-Unternehmen, vielleicht der bisher beste Dokumentarfilm über Arbeiten und Leben im Industriezeitalter, ist Wang Bings Film „Tiexi District“. Fünf Stunden lang filmt der Autor den Alltag in der chinesischen Schwerindustriestadt Tiexi. Er folgt den Arbeitern in die Höllenschlünde der rostigen, permanent von Unfällen lahm gelegten Hochöfen. Er begleitet die Arbeiter frühmorgens in den Schichtdienst, bis in die Waschräume und nach Hause zu ihren Familien. Er zeigt den Niedergang der Stahlregion, die Schließung und den Verfall der Fabriken. Einmal, beim Frühstück, erfährt man nebenbei, dass allein in Tiexi zehntausend Menschen ihre Arbeit verloren haben. [...]Vielleicht ist der chinesische Film zurzeit so ungemein lebendig, weil er permanent von verschwindenden Lebensweisen, aber auch von neuen Versprechungen und Identitäten erzählt. Womöglich filmt und dokumentiert man anders, einfach existenzieller, wenn ein Land von den Zeitläuften überrollt wird und Kinomachen buchstäblich ein Akt des Festhaltens ist. [...] (Katja Nicodemus, „Suchende vor dem Objektiv„, in: Die Zeit Nr. 25 vom 16. Juni 2005)

In Deutschland ist der Film allerdings noch nicht vollständig gelaufen. Über den letzten, erschütterndsten Teil schreibt die New York Times:

„Narrowing his focus from a stricken community to one small family, Mr. Wang uses his third and most heartbreaking segment, “Rails,” to tell the story of Du Xiyun and his teenage son Du Yang. Unemployed scavengers whose survival depends on the old freight railway that transports raw materials to the factories, One-Eyed Du, as he’s affectionately called by the railway workers, steals scraps of coal and anything else he can sell. “I have connections,” he asserts pitifully, explaining how until now he has avoided jail — a streak of luck that will finally run out and precipitate the film’s most devastatingly raw sequence. “There aren’t many people who’d be willing to live the way we do,” he says matter of factly, and it’s hard to disagree.

Capturing moments both large and small — a blast-furnace “mishap,” a plaintive song on the radio asking “Baby, aren’t you tired of this yet?” — this profoundly empathetic and humanist work bears witness to a vanished way of life and the real cost of progress. “Get this place on film now, because it won’t be around much longer,” advises one of Mr. Wang’s stoic factory workers. Luckily for us, he did.“ (JEANNETTE CATSOULIS: Casualties of China’s Transformed Economy. In: New York Times, April 18, 2007)

De Filmfreak Distributie in den Niederlanden hat in der Presseerklärung vom 5.11.2009 englische Untertitel für diese Edition angekündigt. Auf der Website ist allerdings keine Rede mehr davon. Das würde dieses bedeutende Werk leider genauso unzugänglich machen wie die französische Ausgabe von MK2.

Nachtrag vom 9.11.2009: Gute Nachrichten von der DVDBeaver-Liste DVDBeaver@yahoogroups.com! Wie Ruth Timmermans von De Filmfreak Distributie bestätigt hat, wird der vollständige Film auf 4 DVDs mit englischen Untertiteln am 23. November in den Niederlanden erscheinen, bestellbar bei den üblichen Mailorder-Shops, z. B. bei bol.com.

Polen restauriert Filmerbe für den Blu ray-Markt

22. Oktober 2009 von dvdbiblog

Wie gestern bekannt wurde, startet in Polen ein digitales Restaurierungsprojekt von bedeutenden Werken der nationalen Kinematographie. Die neuen digitalen Fassungen sollen als Blu ray und über HD-Fernsehkanäle verbreitet werden. Die ersten Titel werden neben der Ikone der Polnischen Filmschule „Asche und Diamant“ „Austeria“, „Pociag“, „Rekopis znaleziony w Saragossie“, „Sanatorium pod Klepsydra“ und „Krzyzacy“ sein [Links zu DVD-Ausgaben mit engl. Untertiteln]:

„A new digital restoration project of cinema classics has been announced in Poland. The restoration will be made with the highest possible accuracy, frame by frame from original negatives, with resolution 2K or better. The movies will be restored with approximate frequency one per month and will be released later on BluRay.“ (kloczkow@yahoo.com, DVDBeaver-list)

Dies dürfte eines der ersten Restaurierungsprojekte sein, die High Definition-Medien für die Vermittlung nationaler Filmkultur einsetzen wollen. Das Programm soll von 2009 bis 2020 (!) laufen, wenn wir den Text richtig gedeutet haben:

„Dlatego też specjalna seria arcydzieł polskiego kina ukaże się na płytach blu-ray, a później zostanie pokazana przez kanały telewizji HD. Wyróżnikiem projektu jest wysoka jakość, stąd rezygnujemy z nośników takich jak płyty dvd, które nie mogą jej zapewnić.“ (pdf – Projektbeschreibung)

Die neuen Realisten kommen: Ramin Bahrani und andere …

21. Oktober 2009 von dvdbiblog

Franz Everschor schreibt im heute erschienenen Film-Dienst über den Neo-Neorealismus in den USA:

„Es ist kein neues Phänomen, dass viele der unkonventionellsten amerikanischen Filme in Deutschland entweder gar nicht oder um Jahre verspätet herausgebracht werden. Betroffen vom Desinteresse der deutschen Verleiher, Fernsehredaktionen und DVD-Distributoren sind vor allem jene unabhängig produzierten Filme, die von Moden und Trends unberührt sind, die sich dem Tempo der Zeit widersetzen und deren Intimität sie vom Gros des Kinoangebots unterscheidet. Kelly Reichardts „Old Joy“, einer der spartanischsten und gleichzeitig schönsten Filme des letzten Jahrzehnts, erreichte Deutschland erst mit zweijähriger Verspätung. Auch ihr auf unzähligen Festivals herumgereichter Film „Wendy and Lucy“ musste lange warten, bis er nun endlich in deutschen Kinos anläuft (Kritik in dieser Ausgabe). Courtney Hunts „Frozen River“, der in den USA wegen seines aktuellen Themas des Schmuggels illegaler Einwanderer an der amerikanisch-kanadischen Grenze relativ viel Beachtung fand, taucht auf der deutschen Startliste bis heute nicht auf. Ähnlich ergeht es Jake Mahaffys „Wellness“, Lance Hammers „Ballast“ und zahlreichen anderen Filmen, die für ernsthaft interessierte Filmfans eigentlich obligatorisch sein sollten.“ (Franz Everschor: Ein Neorealist unserer Zeit: Plädoyer für den Filmemacher Ramin Bahrani. In: Film-Dienst Nr. 22, 2009)

Als Profiliertesten dieser neuen Richtung von Filmemachern, die sich der gesellschaftlichen Wirklichkeit in den USA zuwenden, sieht Everschor Ramin Bahrani - und er ist nicht der einzige mit dieser Meinung:

„Als Ramin Bahranis jüngster Film „Goodbye Solo“ Anfang dieses Jahres in den USA anlief, versah ihn Roger Ebert, der nach wie vor Amerikas einflussreichster Kritiker ist, mit einer ganz ungewöhnlichen Empfehlung. „Wo auch immer Du lebst“, schrieb Ebert, „wenn dieser Film läuft, wird er der beste in der ganzen Stadt sein.“ Dasselbe lässt sich mit gutem Recht über die anderen Bahrani-Filme „Man Push Cart“ und „Chop Shop“ sagen. “ (dito)

Die neue Kolumne „Aus Hollywood: Ein Neorealist unserer Zeit“ von Franz Everschor steht kostenlos im Netz. Die genannten Filme sind bis auf „Wellness“ in den USA als DVD lieferbar, „Frozen River“ und „Ballast“ auch als Blu ray, und in Großbritannien gibt es „Wendy and Lucy“ und „Frozen River“ als DVD mit Regionalcode 2.

Isild Le Besco: Demi-Tarif

16. Oktober 2009 von dvdbiblog

Bei Tamasa in Frankreich ist der langgesuchte Film „Demi-Tarif“ (deutsch) von Isild le Besco als DVD mit deutschen Untertiteln erschienen.

Es ist ein prototypischer Film über Kindheit, eine Kindheit ohne Zensuren, Vorschriften, Stundenpläne, Messungen der Intelligenz u. ä., also ohne Erwachsene – wenn Kinder unter sich sind. Ekkehard Knörer schreibt dazu:

“ Was man sieht, Szenen einer Kindheit: Spiele, Schminken, Streiche, Diebstahl. Wir stahlen, wir stahlen, wir stahlen, sagt die Stimme. Die Handkamera zeigt, ist dabei, ist in einem fortwährenden Zustand des Dabeiseins, als gäbe es keine Bilder, als wären die Bilder, die sie zeigt, keine Bilder, sondern das Leben selbst, dieser Traum von einer Vergangenheit, den die Stimme beschwört. Zuhause, draußen, immer die drei. Der Blick der Kamera – gäbe es einen – ist der unbedingter Komplizenschaft, mittendrin, hinterher, sie folgt überallhin, ins Bett, aufs Klo, ins Büro der Lehrerin, die nach den Läusen fragt und was dagegen zu tun ist. Die Welt der Erwachsenen ist eine andere Welt, in die die Kamera mit den Kindern eindringt, die sie mit ihnen wieder verlässt. Auch eine Sache der Moral: Was über dieses hier beschworene Leben, dieses Glück der Anarchie zu denken wäre, darüber nur irgend zu rechten, ist nicht Sache des Films. Die einzige Instanz, die er kennt, ist die Stimme, die hier beschwörend erzählt: Wir liebten uns, wir stritten uns. Die Kindheit, ein Schmerz, aber es ist nicht zu sagen, wo es weh tut.“ (Jump Cut-Magazin: Isild Le Besco: Demi-Tarif )

Für Chris Marker war der Film ein Zeichen für den Beginn einer neuen Welle, so wie damals mit „À bout de souffle“:

„… I must go back to a moment in my life. The very moment I saw Breathless for the first time. As it is not a comparison „movie to movie“ I had in mind, but a comparison „moment to moment“ . I can still see us on the sidewalk of the avenue Mac-Mahon, it was the end of the day, Agnès Varda was there, with Paul Paviot, and when later we compared our memories, what had struck us was to hear ourselves talking faster and louder than usual, as if something had just happened to us like a kind of urgency, a message to send out immediately. The message approximately was “ whatever it is, this we“‘ ve just seen, we had never seen it before on a screen „. Since then I had admired many magnificent, moving, innovating movies, but that physical sense of freshness and urgency, I had never felt that again until HALF-PRICE.“ (Chris Marker)

… also ein Film, den man sich nicht entgehen lassen sollte. Isild Le Besco hat das Drehbuch schon mit 16 Jahren geschrieben. Weil ein interessierter Produzent ihr nicht die Regie anvertrauen wollte, hat sie das Projekt später selbst in Hand genommen.

Ihr erster langer Spielfilm „Charly“ soll demnächst auch bei Tamasa auf DVD erscheinen (Kritik von Ekkehard Knörer: „Charly“ ist emotional und erzählerisch auf Millimeterpapier gearbeitet; die Souveränität, mit der die Regisseurin konsequent auf der Sprödigkeit ihrer Figuren beharrt, ist wirklich atemberaubend.).

Schwarzweiss auf Blu ray

14. Oktober 2009 von dvdbiblog

Das Home Media Magazine in den USA preist in einem kurzen Artikel Schwarzweiß-Filme auf Blu ray. In “ Black & White on Blu“ feiert Chris Tribbey die feine Abstufung der Grauwerte und die ungewöhnliche Schärfe von restaurierten Schwarzweiß-Filmen auf Blu ray. Die meisten kennen diesen Filme nur aus dem Fernsehen und hatten nie Gelegenheit, frisch gezogene Kopien auf Festivals zu sehen. Erst auf Blu ray kann sich jetzt die Kunst der Kameramänner dieser Werke vor aller Augen entfalten. Wir hatten hier schon auf Henri Alekans Arbeit „Der Himmel über Berlin“ der Criterion Collection hingewiesen, die die anerkannt besten Digitalisierungen von Schwarzweiss-Filmen auf Blu ray hergestellt hat. Inzwischen sind aber weitere hervorragende Digitalisierungsarbeiten erschienen:

„… experts agree that Blu-ray presents the first opportunity to show the best of black-and-white films in the home, especially older fare. Warner Home Video has done Casablanca [Ultimate Edition], and Paramount Home Entertainment put both black-and-white and color versions of It’s A Wonderful Life in its Nov. 3 release [USA]. Sony Pictures Home Entertainment gave Dr. Strangelove special Blu-ray treatment, and 20th Century Fox Home Entertainment did the same with Young Frankenstein [US-Version mit deutschem Ton]. Criterion has worked magic on a number of black-and-white classics, including The Seventh Seal, The 400 Blows, Last Year at Marienbad and The Third Man [alle USA].“ ( “ Black & White on Blu“)

Allerdings kommen solche Blu ray-Versionen erst richtig zur Geltung, wenn kein Restlicht die Projektion verfälscht, also in dunklen, am besten ganz schwarz gestrichenen Räumen, wie sie der Schreiber dieser Zeilen in einer Bibliothek eingerichtet hat (noch ohne Blu ray-Projektion).

Becoming Charley Chase

7. September 2009 von dvdbiblog

VCI hat in den USA eine umfangreiche Box mit Stummfilmen des Komikers Charley Chase (die Website) veröffentlicht. Diese erstklassige Edition ist, wie man so schön sagt, eine „labor of love“ von David Kalat. Von den 4 DVDs ist die erste den frühen Arbeiten für Mack Sennett gewidmet, die beiden folgenden den Filmen der Hal Roach Studios von 1924-1925 und die vierte seinen eigenen Regiearbeiten. Hier die vollständige Filmliste dieser Edition.

Die Musik wurde für alle Filme neu eingespielt, u.a. vom Snark Ensemble, Ben Model, der Redwine Jazz Band und der West End Jazz Band, und alle Filme werden von Kennern kommentiert. Außerdem gibt es eine 45 minütige Dokumentation und ein Interview mit der Tochter von Charley Chase. Das Booklet kann man bei David Kalats All Day Entertainment kostenlos herunterladen.

Rezensionen zu dieser Edition in The New York Times, DVD Talk, The Los Angeles Times, Rogue Cinema, Examiner.com und Filmcritic.com.
Solche Editionen kommen heutzutage offenbar nur noch durch das besondere Engagement von Cineasten zu Stande. Sony hat eine geplante DVD-Ausgabe mit restaurierten Filmen von Charley Chase aus der Zeit von 1937 bis 1940 bei Columbia Pictures zurückgezogen. Man fürchtet angesichts der Wirtschaftskrise zu geringe Absatzzahlen. Dagegen läuft eine Online-Petition, die jede/r unterstützen kann. Heute ist den USA Labor Day, die letzte Gelegenheit zur Beteiligung (wegen der Zeitzonenverschiebung noch etwas länger als unser 7. September):

„Stan Taffel informs us that the petition will run through Labor Day, at which point he will present the signatures to Sony, so be sure to sign this petition if you haven’t already.

All twenty of Charley Chase’s films for Columbia Pictures (1937-40) have been restored and preserved in 35mm prints. Unfortunately, the upcoming DVD set by Sony Pictures Entertainment has been postponed due to the current state of the consumer market and (gasp!) a perceived lack of interest. Stan Taffel has started an online petition to let Sony know that there is interest in these culturally significant and very entertaining films.

Please take a quick moment to sign the online petition at www.ipetitions.com/petition/charleychasecolumbiashorts so that Sony knows how much of a demand there is for these priceless comedies.

As Stan suggests, „send the link to every film fan, club, organization you think would help… Hal Roach Studio film fans, Sons of the Desert, film collectors, anyone who wants to see these films finally get their release onto DVD.“ (charley-chase.com)