Tie Xi Qu: West of the Tracks

6. November 2009 von dvdbiblog

Das nahezu 10- stündige Dokumentarepos über den Niedergang einer Schwerindustrieregion in China ist jetzt in der Reihe der Tiger Releases für November 2009 angekündigt.  Tie Xi Qu: West of the Tracks (Tiexi- Distrikt - 1. Teil) stellt das Schicksal dreier Fabriken und die mit ihnen verbundenen Arbeiterschicksale vor. Bing Wang dokumentiert eindringlich, mit welcher Gewalt gegen die betroffenen Menschen der wirtschaftliche  Umwandlungsprozess in China einhergeht:

„Ein Jahrhundert-Unternehmen, vielleicht der bisher beste Dokumentarfilm über Arbeiten und Leben im Industriezeitalter, ist Wang Bings Film „Tiexi District“. Fünf Stunden lang filmt der Autor den Alltag in der chinesischen Schwerindustriestadt Tiexi. Er folgt den Arbeitern in die Höllenschlünde der rostigen, permanent von Unfällen lahm gelegten Hochöfen. Er begleitet die Arbeiter frühmorgens in den Schichtdienst, bis in die Waschräume und nach Hause zu ihren Familien. Er zeigt den Niedergang der Stahlregion, die Schließung und den Verfall der Fabriken. Einmal, beim Frühstück, erfährt man nebenbei, dass allein in Tiexi zehntausend Menschen ihre Arbeit verloren haben. [...]Vielleicht ist der chinesische Film zurzeit so ungemein lebendig, weil er permanent von verschwindenden Lebensweisen, aber auch von neuen Versprechungen und Identitäten erzählt. Womöglich filmt und dokumentiert man anders, einfach existenzieller, wenn ein Land von den Zeitläuften überrollt wird und Kinomachen buchstäblich ein Akt des Festhaltens ist. [...]  (Katja Nicodemus, „Suchende vor dem Objektiv„, in: Die Zeit Nr. 25 vom 16. Juni 2005)

In Deutschland ist der Film allerdings noch nicht vollständig gelaufen. Über den letzten, erschütterndsten Teil schreibt die New York Times:

„Narrowing his focus from a stricken community to one small family, Mr. Wang uses his third and most heartbreaking segment, “Rails,” to tell the story of Du Xiyun and his teenage son Du Yang. Unemployed scavengers whose survival depends on the old freight railway that transports raw materials to the factories, One-Eyed Du, as he’s affectionately called by the railway workers, steals scraps of coal and anything else he can sell. “I have connections,” he asserts pitifully, explaining how until now he has avoided jail — a streak of luck that will finally run out and precipitate the film’s most devastatingly raw sequence. “There aren’t many people who’d be willing to live the way we do,” he says matter of factly, and it’s hard to disagree.

Capturing moments both large and small — a blast-furnace “mishap,” a plaintive song on the radio asking “Baby, aren’t you tired of this yet?” — this profoundly empathetic and humanist work bears witness to a vanished way of life and the real cost of progress. “Get this place on film now, because it won’t be around much longer,” advises one of Mr. Wang’s stoic factory workers. Luckily for us, he did.“ (JEANNETTE CATSOULIS: Casualties of China’s Transformed Economy. In: New York Times, April 18, 2007)

De Filmfreak Distributie in den Niederlanden hat in der Presseerklärung vom 5.11.2009 englische Untertitel für diese Edition angekündigt. Auf der Website ist allerdings keine Rede mehr davon.  Das würde dieses bedeutende Werk leider genauso unzugänglich machen wie die französische Ausgabe von MK2.

Polen restauriert Filmerbe für den Blu ray-Markt

22. Oktober 2009 von dvdbiblog

Wie gestern bekannt wurde, startet in Polen ein digitales Restaurierungsprojekt von bedeutenden Werken der nationalen Kinematographie. Die neuen digitalen Fassungen sollen als Blu ray und über HD-Fernsehkanäle verbreitet werden. Die ersten Titel werden neben der Ikone der Polnischen Filmschule „Asche und Diamant“ „Austeria“, „Pociag“, „Rekopis znaleziony w Saragossie“, „Sanatorium pod Klepsydra“ und „Krzyzacy“ sein [Links zu DVD-Ausgaben mit engl. Untertiteln]:

„A new digital restoration project of cinema classics has been announced in Poland. The restoration will be made with the highest possible accuracy, frame by frame from original negatives, with resolution 2K or better. The movies will be restored with approximate frequency one per month and will be released later on BluRay.“ (kloczkow@yahoo.com, DVDBeaver-list)

Dies dürfte eines der ersten Restaurierungsprojekte sein, die High Definition-Medien für die Vermittlung nationaler Filmkultur einsetzen wollen. Das Programm soll von 2009 bis 2020 (!) laufen, wenn wir den Text richtig gedeutet haben:

„Dlatego też specjalna seria arcydzieł polskiego kina ukaże się na płytach blu-ray, a później zostanie pokazana przez kanały telewizji HD. Wyróżnikiem projektu jest wysoka jakość, stąd rezygnujemy z nośników takich jak płyty dvd, które nie mogą jej zapewnić.“ (pdf – Projektbeschreibung)

Die neuen Realisten kommen: Ramin Bahrani und andere …

21. Oktober 2009 von dvdbiblog

Franz Everschor schreibt im heute erschienenen Film-Dienst über den Neo-Neorealismus in den USA:

„Es ist kein neues Phänomen, dass viele der unkonventionellsten amerikanischen Filme in Deutschland entweder gar nicht oder um Jahre verspätet herausgebracht werden. Betroffen vom Desinteresse der deutschen Verleiher, Fernsehredaktionen und DVD-Distributoren sind vor allem jene unabhängig produzierten Filme, die von Moden und Trends unberührt sind, die sich dem Tempo der Zeit widersetzen und deren Intimität sie vom Gros des Kinoangebots unterscheidet. Kelly Reichardts „Old Joy“, einer der spartanischsten und gleichzeitig schönsten Filme des letzten Jahrzehnts, erreichte Deutschland erst mit zweijähriger Verspätung. Auch ihr auf unzähligen Festivals herumgereichter Film „Wendy and Lucy“ musste lange warten, bis er nun endlich in deutschen Kinos anläuft (Kritik in dieser Ausgabe). Courtney Hunts „Frozen River“, der in den USA wegen seines aktuellen Themas des Schmuggels illegaler Einwanderer an der amerikanisch-kanadischen Grenze relativ viel Beachtung fand, taucht auf der deutschen Startliste bis heute nicht auf. Ähnlich ergeht es Jake Mahaffys „Wellness“, Lance Hammers „Ballast“ und zahlreichen anderen Filmen, die für ernsthaft interessierte Filmfans eigentlich obligatorisch sein sollten.“ (Franz Everschor: Ein Neorealist unserer Zeit: Plädoyer für den Filmemacher Ramin Bahrani. In: Film-Dienst Nr. 22, 2009)

Als Profiliertesten dieser neuen Richtung von Filmemachern, die sich der gesellschaftlichen Wirklichkeit in den USA zuwenden, sieht Everschor Ramin Bahrani - und er ist nicht der einzige mit dieser Meinung:

„Als Ramin Bahranis jüngster Film „Goodbye Solo“ Anfang dieses Jahres in den USA anlief, versah ihn Roger Ebert, der nach wie vor Amerikas einflussreichster Kritiker ist, mit einer ganz ungewöhnlichen Empfehlung. „Wo auch immer Du lebst“, schrieb Ebert, „wenn dieser Film läuft, wird er der beste in der ganzen Stadt sein.“ Dasselbe lässt sich mit gutem Recht über die anderen Bahrani-Filme „Man Push Cart“ und „Chop Shop“ sagen. “ (dito)

Die neue Kolumne „Aus Hollywood: Ein Neorealist unserer Zeit“ von Franz Everschor steht kostenlos im Netz. Die genannten Filme sind bis auf „Wellness“ in den USA als DVD lieferbar, „Frozen River“ und „Ballast“ auch als Blu ray, und in Großbritannien gibt es „Wendy and Lucy“ und „Frozen River“ als DVD mit Regionalcode 2.

Isild Le Besco: Demi-Tarif

16. Oktober 2009 von dvdbiblog

Bei Tamasa in Frankreich ist der langgesuchte Film „Demi-Tarif“ (deutsch) von Isild le Besco als DVD mit deutschen Untertiteln erschienen.

Es ist ein prototypischer Film über Kindheit, eine Kindheit ohne Zensuren, Vorschriften, Stundenpläne, Messungen der Intelligenz u. ä., also ohne Erwachsene – wenn Kinder unter sich sind. Ekkehard Knörer schreibt dazu:

“ Was man sieht, Szenen einer Kindheit: Spiele, Schminken, Streiche, Diebstahl. Wir stahlen, wir stahlen, wir stahlen, sagt die Stimme. Die Handkamera zeigt, ist dabei, ist in einem fortwährenden Zustand des Dabeiseins, als gäbe es keine Bilder, als wären die Bilder, die sie zeigt, keine Bilder, sondern das Leben selbst, dieser Traum von einer Vergangenheit, den die Stimme beschwört. Zuhause, draußen, immer die drei. Der Blick der Kamera – gäbe es einen – ist der unbedingter Komplizenschaft, mittendrin, hinterher, sie folgt überallhin, ins Bett, aufs Klo, ins Büro der Lehrerin, die nach den Läusen fragt und was dagegen zu tun ist. Die Welt der Erwachsenen ist eine andere Welt, in die die Kamera mit den Kindern eindringt, die sie mit ihnen wieder verlässt. Auch eine Sache der Moral: Was über dieses hier beschworene Leben, dieses Glück der Anarchie zu denken wäre, darüber nur irgend zu rechten, ist nicht Sache des Films. Die einzige Instanz, die er kennt, ist die Stimme, die hier beschwörend erzählt: Wir liebten uns, wir stritten uns. Die Kindheit, ein Schmerz, aber es ist nicht zu sagen, wo es weh tut.“ (Jump Cut-Magazin: Isild Le Besco: Demi-Tarif )

Für Chris Marker war der Film ein Zeichen für den Beginn einer neuen Welle, so wie damals mit „À bout de souffle“:

„… I must go back to a moment in my life. The very moment I saw Breathless for the first time. As it is not a comparison „movie to movie“ I had in mind, but a comparison „moment to moment“ . I can still see us on the sidewalk of the avenue Mac-Mahon, it was the end of the day, Agnès Varda was there, with Paul Paviot, and when later we compared our memories, what had struck us was to hear ourselves talking faster and louder than usual, as if something had just happened to us like a kind of urgency, a message to send out immediately. The message approximately was “ whatever it is, this we“‘ ve just seen, we had never seen it before on a screen „. Since then I had admired many magnificent, moving, innovating movies, but that physical sense of freshness and urgency, I had never felt that again until HALF-PRICE.“ (Chris Marker)

… also ein Film, den man sich nicht entgehen lassen sollte. Isild Le Besco hat das Drehbuch schon mit 16 Jahren geschrieben. Weil ein interessierter Produzent ihr nicht die Regie anvertrauen wollte, hat sie das Projekt später selbst in Hand genommen.

Ihr erster langer Spielfilm „Charly“ soll demnächst auch bei Tamasa auf DVD erscheinen (Kritik von Ekkehard Knörer: „Charly“ ist emotional und erzählerisch auf Millimeterpapier gearbeitet; die Souveränität, mit der die Regisseurin konsequent auf der Sprödigkeit ihrer Figuren beharrt, ist wirklich atemberaubend.).

Schwarzweiss auf Blu ray

14. Oktober 2009 von dvdbiblog

Das Home Media Magazine in den USA preist in einem kurzen Artikel Schwarzweiß-Filme auf Blu ray. In “ Black & White on Blu“ feiert Chris Tribbey die feine Abstufung der Grauwerte und die ungewöhnliche Schärfe von restaurierten Schwarzweiß-Filmen auf Blu ray. Die meisten kennen diesen Filme nur aus dem Fernsehen und hatten nie Gelegenheit, frisch gezogene Kopien auf Festivals zu sehen. Erst auf Blu ray kann sich jetzt die Kunst der Kameramänner dieser Werke vor aller Augen entfalten. Wir hatten hier schon auf Henri Alekans Arbeit „Der Himmel über Berlin“ der Criterion Collection hingewiesen, die die anerkannt besten Digitalisierungen von Schwarzweiss-Filmen auf Blu ray hergestellt hat. Inzwischen sind aber weitere hervorragende Digitalisierungsarbeiten erschienen:

„… experts agree that Blu-ray presents the first opportunity to show the best of black-and-white films in the home, especially older fare. Warner Home Video has done Casablanca [Ultimate Edition], and Paramount Home Entertainment put both black-and-white and color versions of It’s A Wonderful Life in its Nov. 3 release [USA]. Sony Pictures Home Entertainment gave Dr. Strangelove special Blu-ray treatment, and 20th Century Fox Home Entertainment did the same with Young Frankenstein [US-Version mit deutschem Ton]. Criterion has worked magic on a number of black-and-white classics, including The Seventh Seal, The 400 Blows, Last Year at Marienbad and The Third Man [alle USA].“ ( “ Black & White on Blu“)

Allerdings kommen solche Blu ray-Versionen erst richtig zur Geltung, wenn kein Restlicht die Projektion verfälscht, also in dunklen, am besten ganz schwarz gestrichenen Räumen, wie sie der Schreiber dieser Zeilen in einer Bibliothek eingerichtet hat (noch ohne Blu ray-Projektion).

Becoming Charley Chase

7. September 2009 von dvdbiblog

VCI hat in den USA eine umfangreiche Box mit Stummfilmen des Komikers Charley Chase (die Website) veröffentlicht. Diese erstklassige Edition ist, wie man so schön sagt, eine „labor of love“ von David Kalat. Von den 4 DVDs ist die erste den frühen Arbeiten für Mack Sennett gewidmet, die beiden folgenden den Filmen der Hal Roach Studios von 1924-1925 und die vierte seinen eigenen Regiearbeiten. Hier die vollständige Filmliste dieser Edition.

Die Musik wurde für alle Filme neu eingespielt, u.a. vom Snark Ensemble, Ben Model, der Redwine Jazz Band und der West End Jazz Band, und alle Filme werden von Kennern kommentiert. Außerdem gibt es eine 45 minütige Dokumentation und ein Interview mit der Tochter von Charley Chase. Das Booklet kann man bei David Kalats All Day Entertainment kostenlos herunterladen.

Rezensionen zu dieser Edition in The New York Times, DVD Talk, The Los Angeles Times, Rogue Cinema, Examiner.com und Filmcritic.com.
Solche Editionen kommen heutzutage offenbar nur noch durch das besondere Engagement von Cineasten zu Stande. Sony hat eine geplante DVD-Ausgabe mit restaurierten Filmen von Charley Chase aus der Zeit von 1937 bis 1940 bei Columbia Pictures zurückgezogen. Man fürchtet angesichts der Wirtschaftskrise zu geringe Absatzzahlen. Dagegen läuft eine Online-Petition, die jede/r unterstützen kann. Heute ist den USA Labor Day, die letzte Gelegenheit zur Beteiligung (wegen der Zeitzonenverschiebung noch etwas länger als unser 7. September):

„Stan Taffel informs us that the petition will run through Labor Day, at which point he will present the signatures to Sony, so be sure to sign this petition if you haven’t already.

All twenty of Charley Chase’s films for Columbia Pictures (1937-40) have been restored and preserved in 35mm prints. Unfortunately, the upcoming DVD set by Sony Pictures Entertainment has been postponed due to the current state of the consumer market and (gasp!) a perceived lack of interest. Stan Taffel has started an online petition to let Sony know that there is interest in these culturally significant and very entertaining films.

Please take a quick moment to sign the online petition at www.ipetitions.com/petition/charleychasecolumbiashorts so that Sony knows how much of a demand there is for these priceless comedies.

As Stan suggests, „send the link to every film fan, club, organization you think would help… Hal Roach Studio film fans, Sons of the Desert, film collectors, anyone who wants to see these films finally get their release onto DVD.“ (charley-chase.com)

Criterion: No goodbye to big screen classics

26. August 2009 von dvdbiblog

Der Artikel „Say goodbye to big screen classics?“ von Jaime Weinman hat beträchtliche Wellen geschlagen. Jetzt hat sich Kevin Jaggernauth, Blogger bei „The Playlist“, mit Jonathan Turell von der Criterion Collection getroffen, um das Problem sinkenender DVD-Verkaufszahlen von klassischen Repertoire-Filmen aus deren Sicht zu betrachten: „The Playlist Talks The State Of DVD With The Criterion Collection“.

Und siehe da: bei der Criterion Collection sinken die Verkaufszahlen nicht wesentlich:

While Turell does note that sales are down due to the current economic downturn, they are not seeing the dramatic decrease that have hit the major studios. “If we’re down, we’re down a very small amount. If we took the standard numbers [of dropped sales that other studios are experiencing] we’d be down more, but we’re not.” Furthermore, he does not see any trends in Criterion’s business where classic titles are selling significantly less copies. Turell points to expansion efforts such as the Eclipse line where, “The numbers have exceeded” expectations, and Essential Arthouse as being key factors for Criterion’s ongoing success. These avenues, Turell says, have allowed Criterion to “Expand our market past our core market, [while] never forgetting what we are.” …

Despite the economic climate and continually changing marketplace, Criterion seems to be weathering the storm simply by continuing to stay true to the core values that have served them well for over twenty years. Whether or not the „boom years“ for classic titles on home video are over remains to be seen, but for Criterion the bottom line is, “When we put out a title, it’s still doing pretty well.“ (Kevin Jaggernauth: „The Playlist Talks The State Of DVD With The Criterion Collection“)

Auch hier zeigt sich wieder: die Marketing-Abteilungen der großen Studios verstehen es, Blockbuster zu schaffen, aber nur wenig von der Pflege eines Repertoires und seiner besondere Klientel der Liebhaber und Sammler. Für Labels wie Criterion eröffnen sich da neue Chancen.

Soderbergh zum Formatekrieg

20. August 2009 von dvdbiblog

Die Slasher sind wieder unterwegs. Sie beschneiden Filmbilder und zerstören hemmungslos die Cadrage. In der neuesten Ausgabe des Magazins der Directors’ Guild of America DGA Quaterly setzt sich Steven Soderbergh mit der Praxis  auseinander, Filme im Format 2,40:1 an das Fernsehformat 16:9 anzupassen. Brechen die „Format Wars“ wieder aus?

Bereits zu Zeiten der VHS-Kassette hatte Martin Scorsese eine Kampagne für die korrekte Wiedergabe des orignalen Filmformats im Fernsehen und auf Video geführt, damit die Bildgestaltung von Kameramann und Regisseur für den Zuschauer erhalten bleibt. Danach  verlangten immerhin mehr Filmliebhaber das Widescreenformat. Erst mit der DVD wurde das originale Filmformat zum Standard. Das berüchtigte Pan Scan-Verfahren ist seitdem geächtet. Warum das so wichtig ist, erklärt Martin Scorsese in diesem Video auf DVDuell.

Trotz der Verbreitung des 16:9-Formats bleibt aber offenbar immer noch ein Filmformat Opfer der Sucht, den Bildschirm restlos zu füllen:

„For half a century filmmakers have watched, helplessly, as their films were recomposed for the 4:3 format of television. A fortunate few were able to prevent their works from being altered, and the birth of channels like TCM, IFC, and Sundance provided a small, safe haven for old and new films alike, but the general rule was everything got its limbs severed to fit into the box.

Like many format fiends, I saw the advent of hi-def broadcast TV as the Holy Grail. Finally, the larger screens, greater detail, and more film-friendly 16:9 ratio would mean all films could live on forever with their extremities intact. Meet Steven Soderbergh, the DGA’s reigning Pollyanna.

Since the 16:9 image is now the shape of television, only one format remains to distinguish television from the movies: the 2.40:1 aspect ratio. Because of that, I now believe shape matters more than size, and I say that knowing full well the number of jokes I just unleashed…

In fact, you might agree with my assessment that, ironically, the letterboxed 2.40 ratio actually makes the world of the movie look bigger.

Shape matters. Spread the word.“  (Steven Soderbergh: „In my Opinion: Format Wars“)

John Hughes über Walter Benjamin

14. August 2009 von dvdbiblog

Vor einer Woche ist John Hughes im Alter von erst 59 Jahren gestorben. Christian Liemke hat in seinem Blog DVDuell einige Verweise zu diesem Regisseur zusammengetragen, der in seinen Teenager-Filmen der Jugendkultur der achtziger Jahre Ausdruck verliehen hat.

Dies ist vielleicht eine Gelegenheit, auf ein weniger bekanntes Werk von John Hughes mit einem erstaunlichen Thema hinzuweisen, den Filmessay „One Way Street“ (Einbahnstraße) über Leben, Werk und Schicksal Walter Benjamins :

„ONE WAY STREET explores the life and work of German Jewish critic and philosopher, Walter Benjamin, who died escaping the Gestapo in 1940. Although Benjamin’s work is little known in this country, he is regarded in Europe as one of the most influential figures in 20th Century thought.

ONE WAY STREET provides clear and accessible introductions to some of the central ideas in Benjamin’s writings. Expert commentary from a range of English scholars situate Benjamin’s work in the context of their time and evoke a sense of the excitement that his work has generated. A heightened visual style, montage structure and strong musical treatments correspond in evocative and powerful ways with the concerns and the strategies of Benjamin himself.“ (Ronin Films)

Die DVD ist in Australien bei dem renommierten Vertrieb Ronin Films erschienen.

Susanna Scarparo hat eine Kritik zu diesem Film geschrieben. Sie zitiert John Hughes „history brakes down into images, not into stories“ und schlussfolgert: „… it breaks into dialectical images, into fragments of the dreams of the past.“ So hat der Regisseur denn auch seinen Film angelegt:

„The character „Benjamin“, as a human being and as a philosopher, is portrayed through many different media and voices. „Benjamin“ is played by one male and two female actors, and one of the two female actors also plays Asja, shows us photographs of him and talks about him. In addition, Benjamin’s philosophical argument is presented by means of written quotations, and by four experts talking about him and his writings. Moreover, we also, presumably, see his „real“ image through several photographs of himself and his family. Thus, Benjamin himself, as well as his „history“ are fragmented into images, not into stories.“ (Susanna Scarparo: „An Analysis of the Video One Way Street and of Walter Benjamin’s Dialectical Thinking“)

Nachtrag vom 15.8.2009: Kein Wunder, dass „One Way Street“ ein „weniger bekanntes Werk des verstorbenen Regisseurs John Hughes“ ist – besser gesagt, es ist völlig unbekannt, denn es exisitiert gar nicht in seinem Werkverzeichnis. Robert Fischer hat ganz zurecht auf den entscheidenden Fehler hingewiesen: Der Film über Walter Benjamin stammt von John Hughes, einem australischen Dokumentarfilmer:

John Hughes and Cindy Clarkson packings DVDs („Time to Go, John“)

Es ist interessant, diesen Dokumentaristen kennenzulernen. Er hat sich z. B. an dem Omnibusfilm „Time to Go, John“ beteiligt, der Teil einer Kampagne australischer Filmemacher gegen den dortigen Premierminister John Howard war. Howard verlor schließlich die Wahlen von 2007 und musste sein Regierungsamt aufgeben. Ungewöhnlich war die Vertriebskampagne für den Film, die im wesentlichen auf dem Versand von DVDs basierte:

“ As well as the production of the film itself the team of filmmakers also had to work out how to self-distribute the film nationally as well as trying to get it screening in marginal seats. The response from many cinemas was positive and a national premiere secured. In addition, a strategy was devised to get the film circulated through special “house-party” screenings, hosted by individuals in their homes or at local social clubs. With the motivation of reaching the widest audience possible it was also decided that the films should be available for viewing online.
All of this had to be done in seven weeks and with absolutely no budget, not a cent. With so many things to organise in such a short time fame many may have shied from the challenge but the collective felt it would have been “un-Australian” not to attempt to achieve a goal they all felt so compelled by.

Time To Go John is a result of the commitment and passion of the people who contributed to the production of this film. Thank you to the people involved, to all Aussie battlers dedicated to a better future. Well done for dreaming up Time To Go John and delivering as promised. The film is dedicated to all the people across Australia who dared to stand up and be counted.“ (Website „Time to Go, John“)

Say goodbye to big screen classics?

14. August 2009 von dvdbiblog

Auf der Website des kanadischen Wochenmagazins Maclean’ s war vor einer Woche der Artikel „Say goodbye to big screen classics“ über den Niedergang des DVD-Markts für klassische Hollywoodfilme erschienen. Jaime Weinman zitiert dabei keinen Geringeren als den verantwortlichen Warner-Mann für dieses Repertoire, George Feltenstein, also einen, der es wissen muss:

„Even before the recession, studios had to cut back due to the closing of many retail chains that used to stock their products; Feltenstein says, “If the economy of the world had not deteriorated, our release schedule would still be less than it was.” But older movies are particularly vulnerable because the cost of restoration is growing, and their fan base is shrinking. It used to be that TV broadcasting built a market for old movies; Humphrey Bogart became a cult figure after his death, thanks to TV. But today, the only station that shows old films is Turner Classic Movies. And DVDs can’t sell based on the purchasing power of TCM viewers alone.

Because classics are a niche market, they were the first to go when chain stores like Wal-Mart and Best Buy decided which movies they wouldn’t stock; Feltenstein says that many chain-store buyers “think an old classic movie is The Silence of the Lambs.” And though the high-definition DVD format, Blu-Ray, is seen by some observers as a possible saviour of home video, it actually is making things worse for classics. Warner released a few popular titles in the format (including Casablanca) and found that, according to Feltenstein, “classics are having a tough time on Blu-Ray. New films do great, but people don’t know how great old movies can look in this format.” Warner will try again later this year with Blu-Rays of titles like Gone With the Wind and North By Northwest, but for now, Blu-Ray is another thing to squeeze old movies off the limited shelf space in stores.“ (Jame Weinman: „Say goodbye to big screen classics“)

Im Home Theater Forum läuft seitdem eine Diskussion über diese trüben Aussichten: „Studios Reducing/Ending Retail DVDs of Classics – Warner Interview“.

Auch Franz Everschor geht im neuen Film-Dienst auf die in der Krise veränderten Marktverhältnisse ein, die alte Muster aus der VHS-Zeit wiederbeleben, als der Verleih eines relativ kleinen Titelangebots und nicht der Verkauf eines immer größeren Repertoires wie zu den heutigen DVD-Zeiten die Hauptumsätze machte. Er beschreibt die vielfältige DVD-Landschaft in den USA zwischen Netflix (Artikel über ein Versandzentrum) mit seinen 100.000 Leihtiteln für den Filmkenner auch im kleinsten Dorf und Redbox mit mehr als 17.000 Verleihautomaten in den großen Einkaufszentren, die aus Platzmangel nur die Bestseller bieten können, und geht dann auf neue Entwicklungen ein:

„Die Lücken, die durch die rückläufige Entwicklung des DVD-Geschäfts entstehen, können nur teilweise aus Beteiligung an anderen Verwertungsarten geschlossen werden. Deshalb tun die Execuvtives etwas, worauf Filmfans in aller Welt seit Jahrzehnten vergeblich gewartet haben: Sie öffnen ihre Archive. Man muss sich bewusst machen, dass sich die meisten Filme, die bei Netflix und den vielen On-Demand-Anbietern kursieren, aus einem Pool von Filmen rekrutieren, den die Studios für wert halten, immer wieder von Neuem offeriert zu werden. Es sind die ewig gleichen Titel, die die Runde machen – zuerst im Kino, dann auf Kassette, später auf Laserdisk, als DVD und nun auch auf BluRay. Zahllose andere Klassiker, deren Negative in den Katakomben der Studios ruhen, sind nie ans Tageslicht gekommen. Sie wurden allenfalls in Pauschalverträgen wie dem der MGM mit Ted Turner zu Tausenden verramscht und, wenn ihnen der Zufall hold war, ein oder zweimal zu mitternächtlicher Stunde im Fernsehen gezeigt.

Jahrzehntelang waren die Studios blind dafür, dass sich mit den vielen Klassikern, deren Titel man allenfalls aus Büchern kennt, ein – wenn auch begrenztes – Geschäft machen ließe. Ins Feld geführt wurden stets die Restaurationskosten, die höher seien als der zu erwartende Gewinn. Erst der Rückgang des DVD-Geschäfts und die bequeme Verwertungsmöglichkeit über das Internet haben ein paar Leute aufgeweckt und in die Archive steigen lassen. Es ist nicht verwunderlich, dass Warner Bros. Entertainment der Vorreiter dieser Entdeckungsaktion ist, weil Warner einen riesigen Bestand an alten Filmen hat. Zusammen mit den MGM-Filmen, die nach ihrer Verschiebung an Ted Turner schließlich über den Mutterkonzern Time Warner bei Warner Bros. gelandet sind, besitzt das Studio die Rechte an 6.800 alten Filmen, von denen gerade einmal 1.200 auf DVD erschienen sind. Nun sollen sie häppchenweise auf der Website von Warner Archive Collection verfügbar gemacht werden.“ (Franz Everschor: „Im Wandel: Rückläufige DVD-Umsätze und ihre Folgen“. In: Film-Dienst 17/ 2009)

Trotz aller Krisenerscheinungen kann man zuversichtlich bleiben. Der weltweite DVD-Markt bietet heute immer noch eine solche Fülle von Filmen, wie es sie für das allgemeine Publikum im Laufe der Filmgeschichte noch niemals gegeben hat. Doch das Repertoire will gepflegt sein. Eine massenhafte Publikation klassischer Filme in relativ kurzer Zeit überfordert die Sammler. Den schnellen Gewinn kann man dann eben auch nur für eine kurze Zeit machen, wie Titelchampion Warner nun erkennen muss – oder anders gesagt: Repertoirefilme kann man nicht wie Blockbuster vermarkten.