Karel Vachek auf DVD

Hans-Joachim Schlegel weist im neuen Film-Dienst (16/2010) auf den tschechischen Filmemacher Karel Vachek hin.

Bereits seinen Diplomfilm „Moravský Hellas“ („Ein mährisches Hellas“, 1963) ließ der CSSR-Präsident Antonín Novotný verbieten. Der Film dokumentierte die stalinistische Disziplinierung und „Musealisierung“ der mährischen „Volkskunst“ (Schlegel).  Mit „Wahlverwandschaften“ („Sprízneni volbou“) schuf Karel Vachek einen Schlüsselfilm des „Prager Frühlings“. Die Dokumentation der ersten demokratischen Präsedentschaftswahl von Ludvik Svoboda wurde erstmals mit leichten 16mm-Kameras und Synchronton gedreht, schon technisch ein Affront gegen den stalinistischen Terror des Drehbuchs. Als Unterzeichner der Charta 77 musste er das Land verlassen, kehrte aber aus materiellen Gründen 1984 zurück und schlug sich als Heizer und Lastwagenfahrer durch. Nach der „Wende“ drehte er mehrere lange Dokumentationen:

„Vachek versteht sich als „Aufklärer“, der mit rationalen wie poetischen Diskursen gegen die Verbiegungen der Wirklichkeit durch offizielle Losungen und Rituale rebelliert (in diesem Film zählt ein Vergleich von KPÈ-Demonstrationen mit den Vorbereitungen auf den Papst-Besuch dazu)… Vachek versteht sich allerdings nicht als Surrealist, sondern als „radikaler Realist“, für den die äußere Wirklichkeit lediglich eine ideologisch und poetisch zu demontierende Sichtblende der eigentlichen, aber verdrängten Wirklichkeit ist.

Mit einem einzigen Kamerablick ist so etwas natürlich nicht zu schaffen: Vachek umkreist ein und dasselbe Wirklichkeitsphänomen stets mit mehreren, möglichst kontroversen Ansichten. Seine Filme sind deshalb auch entsprechend lang, für tradierte Sehgewohnheiten geradezu provokant lang, was das Publikum in enthusiastische Anhänger und radikale Gegner spaltet, selbst seine Studenten in den Dokumentarfilm-Klassen an der FAMU, wo er seit 1994 unterrichtet. Zum Problem der für ihn unabdingbaren Filmlänge verweist Vachek auf die Romane von James Joyce, der in „Ulysses“ einen einzigen Tages im Leben eines einfachen Versicherungsagenten auf unendlich vielen Seiten beschreibt. Sein 207 Minuten langer „Neuer Hyperion oder Freiheit Gleichheit, Brüderlichkeit“ war denn auch der Auftakt zu Vacheks Tetralogie „Malý kapitalista“ („Der kleine Kapitalist“), zu der außerdem zählen: „Co dìlat? Cesta z Prahy do Èeského Krumlova aneb Jak sem sestavoval novou vládu“ („Was tun? Eine Reise von Prag nach Böhmisch-Krumlau, oder: Wie ich eine neue Regierung bildete“, 1996, 216 Min.), „Bohemia docta aneb Labyrint svìta a lusthaus srdce [Bozská komedia]“ („Bohemia docta, oder Das Labyrinth der Welt und das Lusthaus des Herzens [eine göttliche Komödie“], 2000, 254 Min.) und „Kto bude hlídat hlídaèe? Dalibor aneb Klièk chaloupce strýèka Toma“ („Wer wird den Wächter bewachen? Dalibor oder ein Schlüssel zu Onkel Toms Hütte“, 2002, 242 Min.).

Wer sich von den barock verschlüsselten Titeln nicht abschrecken und sich auf die extremen Längen einlässt, der hat selbst dann intellektuell wie emotional hohen Gewinn, wenn er ihnen inhaltlich bzw. ästhetisch nicht zustimmt. Karel Vachek, der schon rein äußerlich wie die Kreuzung eines altgriechischen Philosophen mit Hašeks Švejk erscheint, betreibt seine bildlichen und verbalen Demontagen des vordergründig Sichtbaren mit einem Wechselspiel analytischer wie poetisch-assoziativer, philosophisch tiefschürfender, aber auch grob satirischer Diskurse. Lachen, zu dem auch selbstironisches Kichern gehört, ist für Vachek eine strategisch wichtige Waffe: 2004 veröffentlichte er seine „Theorie der Materie“ („Teorie hmoty“) mit dem Untertitel „Über das innere Lachen, die Spaltung des Denkens und die zentrale Rolle des Schicksals“. (Hans-Joachim Schlegel: Provokationen eines ewigen Dissidenten. Film-Dienst 16/2010)

Sein Gesamtwerk ist in Tschechien auf DVD mit englischen Untertiteln lieferbar, einzeln oder als Edition.

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