Die Unberührbare, eine Anita G. der Wende

Zwei große Klassiker des deutschen Films: „Abschied von gestern“ (1965/ 1966) und „Die Unberührbare“ (1999/ 2000), zwei große Schwarzweiss-Filme, zwei Filme über deutsche Wirklichkeiten in Umbruchzeiten. Die unberührbare Hanna Flanders erscheint als späte Schwester von Anita Grün, sozusagen eine Anita G. der Wendezeit.

Der Film erzählt die Geschichte von Anita Grün, 1937 in Leipzig geboren, in der Nazizeit als Jüdin vom Schulbesuch ausgeschlossen, die nun, 1957 im Westen versucht, wieder Fuß zu fassen. Alexander Kluge bemerkt: „Anita G. ist ein Mädchen, das nie richtig erzogen worden ist, weder im Dritten Reich noch in der DDR.“ Als sie in den Westen kommt, gelingt es ihr nicht, sich anzupassen. Schuld daran ist die herzlose, bürokratische Gesellschaft.‘ „ (Abschied von gestern)

Es ist falsch anzunehmen, „Die Unberührbare“ lege den Finger „nur“ auf eine persönliche Wunde, dazu war Gisela Elsner vielleicht auch schon immer eine zu öffentliche, zu artifizielle Person. „Du verwechselst mich mit meinem Make-up“, sagt sie einmal zu ihrem Ex-Ehemann, doch dem Sohn gelingt es, nicht nur das Bild der Mutter abzuschminken, sondern auch das der Realität, in der sie sich bewegte…

Endlich einmal schafft es ein deutscher Spielfilm, sich aus der West-Perspektive mit der Zeit der Wende auseinanderzusetzen, in der die Linke sich in Ohnmachtserklärungen erging, die bundesdeutschen Feuilletons nichts weiter taten, als die Verstrickungen der Ost-Schriftsteller zu sezieren, und der Konservativismus der Ära Kohl fröhliche Urstände feierte. Und endlich einmal spürt man etwas von der Depression, von dem Schock (als Kehrseite der allgemeinen Euphorie), den der Fall der Mauer im deutschen Westen auslöste.

Roehler folgt der Kunstgestalt Hanna Flanders wie einem Seismographen durch die deutsche Geschichte zweier Jahre, und plötzlich scheint diese Frau nicht länger „unberührbar“, sondern umgekehrt, zu berührbar.“ (Veronika Rall: Die Unberührbare. Oskar Roehler berichtet von den letzten Tagen im Leben seiner Mutter Gisela Elsner. In: epd Film, Nr. 5, 02.05.2000).

„Die Unberührbare“ spiegelt sich in „Abschied von gestern“, der zu einer Zeit erschien, als Gisela Elsner mit ihrem ersten Roman Furore machte. Beide Filme sind auf merkwürdige Weise miteinander verbunden, als könnte der zweite die Vollendung des ersten sein. Auch „Die Unberührbare“ ist ein Abschied von gestern.

Die besondere Sicht beider Filme auf dieses Land verdankt sich vor allem auch den herausragenden Kameramännern, Thomas Mauch und Edgar Reitz bei „Abschied von gestern“, Hagen Bogdanski bei „Die Unberührbare“. Die Verwandtschaft beider Filme spürt man nur, wenn man sie sieht, nicht, wenn man über sie liest.

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