Hätte ich das Kino 2.0

Auf der Berlinale wird viel über die Zukunft des Kinos diskutiert. Jetzt hat dort der Geschäftsführer des Verbands der Filmverleiher (VdF), Johannes Klingsporn die staatliche Subventionierung der Digitalisierung aller festen Filmtheater in Deutschland angekündigt. Dafür wurde ein Memorandum vorgelegt.

„Digitalisierung als einzigartige Chance der Kinowirtschaft“

Zunächst wird unter der Überschrift „Raus aus der analogen Nische“ die Abwanderung des Films aus dem Kino in den privaten Bereich beklagt:

„Im Laufe dieser Zeit hat das Filmtheater seine Monopolstellung als alleiniger Filmverwerter verloren. Neben das Fernsehen sind neue Verbreitungsformen wie Video/DVD-Auswertungen sowie neue Online- und Video-Demand-Dienste getreten… Die Substitution der VHS-Cassette durch die DVD hat nicht nur neue Businessmodelle (DVD-Direkt-Verkauf an den Endverbraucher) ermöglicht, sondern neue Besucherschichten für den Kinofilm erschlossen.“

Auch die schlechtere technische Qualität der analogen Kinokopien im Vergleich zum Heimkino wird beklagt:

„Bei einer sachlichen Beurteilung muß aber konstatiert werden, daß der qualitative Abstand zwischen der Home-Entertainment Vorführung und der Kinovorführung kontinuierlich abgenommen hat. Die Stellung der Filmtheater als uneingeschränkter Technologieführer im Bereich der Filmvorführung ist ins Wanken geraten; aus Sicht bestimmter Kinozielgruppen hat das Kino seine Alleinstellung verloren, was wir seit einigen Jahren auch an den rückläufigen Besucherzahlen bestimmter Zielgruppen deutlich sehen können.“

Betont wird dagegen aber die urbane und kulturelle Qualität des Kinos, die es unverzichtbar macht für eine vielseitige öffentliche Filmkultur:

„Trotz dieses technologischen Wandels der Filmverwertung außerhalb des Kinos ist es Dank der Kreativität der Filmschaffenden und Dank der gemeinsamen Anstrengungen von Verleih und Kino gelungen, die Bedeutung des Kinos als urbane, soziale und kulturelle Institution zu erhalten und auszubauen. Dem Kino gelingt es trotz erheblicher Freizeitkonkurrenz, über 40% der Bevölkerung in Deutschland für einen Kinobesuch zu gewinnen.“

Bei allen schönen Worten zum Kino als kulturelle Institution reduziert das Papier das digitale Potential allerdings auf einen technokratischen Ansatz, mit dem der Verleih rationalisiert und besser kontrolliert werden soll und die Publikumsinteressen gezielter ausgewertet werden können:

“ Die Vernetzung dieser Kino- und Verwaltungssoftware mit dem Theater-Managment-Systemen unter Einbindung umfangreicher Reportfunktionen an Verleiher, Werbekunden und neuer Leinwandnutzer und der Switch zu einer digitalen Übertragung der FFA-Meldungen, Terminbestätigungen und der Spielfilmabrechnung unter Nutzung digitaler Signaturen wird die Effektivität auf Kino- und Verleihseite massiv erhöhen. Es wird aber vor allem die Grundlage für optimierte Ablaufs- und Marketingprozesse nah am Kunden bilden.“

„Die deutsche Kinofilmwirtschaft hat mit breiter Unterstützung der Politik die einmalige Chance, die Digitalisierung als Neupositionierung des Kinos im Wettbewerbsumfeld der Freizeitindustrien und des Medienkonsums zu nutzen. Packen wir’s an.“

Eine Kinolandschaft mit einer reichhaltigen Filmkultur wird es allerdings nur mit einer vielseitigen Programmkinoszene geben, die sich nicht an der Blockbuster-Mentalität der großen Verleiher orientiert. Der internationale (!) DVD-Markt hat das Kino weit hinter sich gelassen nicht wegen der Bequemlichkeit von couch potatoes, sondern wegen seines vielfältigen Angebots, das die ganze Filmgeschichte und alle Filmländer gleichermaßen umfasst. Filmkultur im Kino kann es nur geben, wenn auch dort wieder die Vielfalt einzieht, die es vor der Erfindung der Franchise– und High Concept-Filme gegeben hat.

Die Digitalisierung könnte jedoch ein Schritt zu einer neuen Form von Kino sein, wie auch schon Volker Schlöndorff angedeutet hat.

Die AG Gilde Kino, der Verband der deutschen Filmkunst- und Programmkinos, hatte schon in einem Memorandum und einem frühren Positionspapier zur Digitalisierung Stellung genommen. Nun gibt es ein aktuelles Diskussionspapier zur Digitalisierung der Kinoprojektion:

„Die bisherige Debatte zur Digitalisierung des deutschen Kinos ist inhaltlich arm und wirtschaftlich unzureichend. Die Digitalisierung des Kinos wird eine immense Wirkung auf die Kinolandschaft und auf die Filmbranche überhaupt haben. Schon jetzt zeichnet sich ab, dass der Umrüstungsprozess viel teurer wird als bekannt ist. Wer wird von der Umrüstung profitieren? Wie kann sichergestellt werden, dass Arthaus-Filme auch in Zukunft im Kino zu sehen sind? Und wie wird sich die technische Entwicklung auf die Herausbringung von Kinofilmen auswirken?“ (programmkino.de)

Die vorwiegend defensive Einstellung der AG Gilde Kino greift jedoch zu kurz. Digitalisierung bietet durchaus Chancen für eine neue Form von Kino, wie es ja auch der VdF andeutet:

„Diese neuen Möglichkeiten eröffnen lokal, regional und national koordinierte neue Programmformate, die in der analogen Welt wegen Kopienknappheit nicht zu realisieren sind, nachfolgend einige Beispiele:
• Zukünftig wird es möglich, zu einem Großteil der ausländischen Filmwerke auch originalsprachliche Fassungen vorzuführen ohne daß erhebliche Mehrkosten durch das Ziehen von gesonderten 35mm Kopien entstehen. Durch geeignete Werbemassnahmen der Kinos können neue Zielgruppen, aber auch neue Kooperationsformen mit Bildungseinrichtungen entwickelt werden… „

Verwirklicht werden können solche und andere Möglichkeiten jedoch nur, wenn die Verleiher diese tatsächlich wollen und sich für neue Formen des Filmvertriebs öffnen – so wie sich die Entwickler des DVD-Formats, hier vor allem Warren Lieberfarb von Warner Home Video, vorwiegend auf ältere Erfindungen von Filmliebhabern aus der Laserdisc-Szene, hier vor allem Bob Stein und die Criterion Collection, gestützt haben:

„“Wir tendieren dazu, kurzfristige Veränderungen überzubewerten und langfristige zu unterschätzen.“ (Warren Lieberfarb. In: „Zukunft des Kinos: Hollywood muss umdenken“, Spiegel Online)

Vielleicht können sich die Kinos mit der Digitalisierung von den (großen) Verleihern unabhängig(er) machen. Vielleicht bringt die Digitalisierung des Kinos nach der Digitalisierung des Films viele kleine Verleiher hervor, so dass sich das Programm(!)kino neu erfinden kann.

Ob sich jedoch ausgerechnet das Kino dem Computerspiel annähern wird, darf man wohl bezweifeln – mehr dazu siehe u.a.: „Film 2.0 – The Future of the Film Industry in the Age of Wikinomics and Games“ (Berlinale Key Notes). Weitere Infos dazu hier.

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