DVD und Kino

Im neuen Heft des Film-Dienst bewertet der Leiter der Oberhausener Kurzfilmtage in einem Interview die Rolle der DVD für die Filmkultur: „Öffentlichkeit schaffen – wie die DVD Kino und Gesellschaft verändert“. Ähnliche Thesen hatte Lars Henrik Gass schon in der FAZ vom 10.1.2006 vorgetragen. Hier einige Zitate aus dem neuen Film-Dienst:

„Was passiert mit dem Film, wenn ich ihn aus dem Kino, der Kollektivrezeption herausnehme und in den privaten Raum versetze? Er wird mittels Pausenmöglichkeit, Vorspulen, Überspringen einem individuellen Zeitbedürfnis und Zugriff unterworfen, das schon vom Fernsehen her vertraute Zapping regiert. Der Film wird in dem Moment ein anderer sein, wenn ich ihn, allein in meinem privaten Raum, manipulieren und unterbrechen kann, statt im Kino, in diesem dunklen Raum, zu einer Wahrnehmung gezwungen zu sein, die nicht meine eigene ist.“

… und weiter:

„Ich denke, dass man die von mir beschriebene Entwicklung im Zusammenhang mit einem Verfall von politischer Kultur insgesamt betrachten muss. Das Subjekt vor einem DVD-Player ist das gleiche wie das politische Subjekt der westlichen Demokratien, das alle vier, fünf Jahre sein Kreuz machen darf. Das ist eine Wahl, die eigentlich keine ist, eine Öffentlichkeit, die keine mehr ist.“

„Was aktuell im Internet an Gemeinschaftsphänomenen zu beobachten ist, versucht, individuellen Anliegen und Bedürfnissen nach Kommunikation zu entsprechen; das ist gut und wichtig, aber auch ein wenig exhibitionistisch. Auch in den prominenten Foren wie Youtube trifft der Befund zu, dass mir eine Wahl mehr suggeriert wird als dass sie stattfindet. Ständig geht es bloß darum, Best-of-Listen von allem Möglichen zu erstellen. Vergleiche ich das mit der kinospezifischen Kollektivrezeption, in der ich mich einer Wahrnehmung ausliefere, dann wird hier das Subjekt reduziert auf eine entpolitisierte Form der Teilnahme.“

Für Lars Henrik Gass soll dagegen das Filmfestival zum Wahrer der Filmkultur werden, wie er schon bei seiner Eröffnungsrede im letzten Jahr in Oberhausen betonte. Allerdings ist der sog. „festival circuit“ schon heute ein fester Bestandteil der von ihm so kritisch gesehenen neuen Form des Umgangs mit Film – siehe The 21st Century Cinephile. Ob die von Lars Henrik Gass vorgetragenen Thesen der Wirklichkeit standhalten, lässt sich gut in einem Aufsatz aus dem Sammelband Cinephilia (S. 111) überprüfen: In „Ravenous Cinephiles: Cinephilia, Internet and Online Film Communities“ beschreibt Melis Behlis ihre Erfahrungen in Istanbul und New York. Nur DVD und Internet (zum Bestellen, Informieren und Diskutieren) erlauben den meisten Filminteressierten einen Zugang zu den gewünschten Filmen – das ist in Oberhausen nicht anders als in Istanbul.

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