Koolhaas Houselife

3. Februar 2010

Eine Ikone moderner Architektur im harten Praxistest: In “Koolhaas Houselife” zeigen Ila Bêka und Louise Lemoîne Rem Koolhaas berühmte Villa in Bordeaux aus der Sicht derjenigen, die dieses Gebäude in Ordnung halten müssen. Gebaut für eine Familie, deren Ehemann an einen Rollstuhl gefesselt war, erweist sich das Design im täglichen Leben als ambivalent:

Koolhaas Houselife is a novel documentary: the filmmakers see their role not only as observers, documenting the features of the House for an archival purpose, but also also as commentators, who evaluate architecture from a “lived-in” perspective. The audience is transformed from passive observers of architecture to actively engaging with experiencing the spaces. Finally, the film emerges as a contemporary philiosophical discussion about the very pupose of design.” (Melanie Sevcenko: The House as a Living Space. In: Dox ’84 winter 2009/2010, S. 48-49)

Es ist unausweichlich, dass einem Jacques Tati mit seinem Film “Mon Oncle” in den Sinn kommt.

Die DVD ist bei den Filmemachern erhältlich, oder im speziellen Buchhandel. Sie enthält ein zehnminütiges Interview mit dem Architekten.


Bazon Brock: Lustmarsch durchs Theoriegelände

15. September 2008

In einem Werbeschauskasten an der Bushaltestelle Mozartstraße, Ecke Birkbuschstraße in Berlin-Steglitz konnte man gestern Abend erfahren, dass der Dumont-Verlag zur Buchmesse im Oktober 2008 “Lustmarsch durchs Theoriegelände – eine Kampfschrift” von Bazon Brock (Info) veröffentlichen wird, zusammen mit 3 DVDs, die den Lustmarch des Autors (“Eine schwere Entdeutschung”) durch 11 Museen dokumentieren. Dabei handelt es sich offenbar um den sechstündigen Film “Let’s Brock” von Ingo Hamacher Bellacoola (?):

Bazon Brock zieht Bilanz: Wie sieht die Zukunft der Europäer angesichts der Totalglobalisierung aus? Seine These: Wir haben viel zu lernen, um demnächst Millionen chinesischer Touristen als interessantes Ferienerlebnis dienen zu können. Europas Errungenschaften wie Demokratie, Rechtsstaat, Sozialstaat, Säkularisierung, Würde des Einzelnen und Freiheit von Wissenschaft und Kunst werden künftig kaum eine Rolle spielen. Müssen wir sogar fürchten, aus der Geschichte zu verschwinden?

Brock empfiehlt gegen den Schrecken dieser Einsicht eine kleine Einübung ins etruskische Lächeln, das Einverständnis mit dem eigenen Schicksal signalisiert. Wem das nicht reicht, [der] muss sich behaupten lernen – aber nicht aus dem Allmachtsgefühl technischer, wissenschaftlicher und wirtschaftlicher Überlegenheit, sondern aus der Ohnmachtserfahrung der Europäer als kleine gefährdete Art im Menschenzoo.” (Dumont)

Wichtig in diesem Zusammenhang: Schon 1963 wollte sich Bazon Brock in den Zoo einweisen lassen, als “Säugetier, aufrecht, kann sich sehen lassen und schaudenken”.

Wer den kenntnisreichen ästhetischen Denker kennenlernen will (und ihn vielleicht noch aus den frühen sechziger Jahren in Erinnerung hat), hier gibt es wieder eine Gelegenheit dazu – mehr in der NZZ (Ein Gespräch mit dem Kulturkritiker, Aktionskünstler und Inszenator Bazon Brock) und in der TAZ (Papa Schlumpf-Laokoon spielt noch mal).


George Grosz’ Interregnum

11. Juli 2008

Altina und Charles Carey haben 1960 einen Kurzfilm gemacht, der den Aufstieg und die Herrschaft der Nationalsozialisten anhand der Zeichnungen von George Grosz darstellt. Grosz, der 1933 in die USA emigrieren musste, war ein scharfer Beobachter dieses Milieus, dessen Physiognomie er in seinem Werk prägnant herausgearbeitet hat.

Sprecherin im Film ist Lotte Lenya. “George Grosz’ Interregnum”, auch unter dem Titel “Germany between the Wars” vertrieben, wurde 1961 als bester Kurzdokumentarfilm für den Oscar nominiert.

Eigentlich ist der Film nicht mehr zugänglich. Er wurde lediglich als 16mm-Schmalfilm in Umlauf gebracht, wovon es noch Kopien in drei amerikanischen Bibliotheken gibt. Doch der Kameramann des Films, Terry Sanders , bietet ihn auf der Website seiner Firma American Film Foundation in Santa Monica an. Dort kann er auf DVD bestellt werden. 2009 jährt sich sein Todestag zum 50. Mal.


Antonio Gaudi von Hiroshi Teshigahara

22. Dezember 2007

Einer der fulminantesten Architekturfilme erscheint demnächst in einer Neuausgabe auf DVD. Criterion bringt Hiroshi Teshigaharas Film über Antonio Gaudí in einer restaurierten und mit zahlreichen Zusatzmaterialien versehenen Fassung heraus.

Der Film ist ein visuelles Poem, das nahezu ohne Sprache auskommt:

“Hiroshi Teshigahara’s Antonio Gaudi is a spare, astonishing, and haunting documentary on the designs of famed turn of the century Spanish architect, Antonio Gaudi (1852-1926)… Teshigahara immerses the viewer into Gaudi’s unorthodox vision using lingering takes and mesmerizing panning sequences, accompanied by an equally eclectic soundtrack [u.a. von Toru Takemitsu] that vacillates from lyrical symphony to disquieting near silence. The film, largely structured without verbal narrative, unfolds as a figurative mosaic of Gaudi’s early influences and nascent vision in the mid 1800’s – from an overview of the Catalonian culture, to the contemporary works of other prominent architects, to the medieval art and architecture pervasive in the region.” (Strictly Filmschool) – weitere Rezensionen siehe 1 ; 2 .

Bei seinem ersten Besuch 1959 in Barcelona war Teshigahara von Gaudis Architektur überwältigt:

“Shortly after entering Barcelona, four grotesque steeples appeared before me. Their peaks seemed to domineer over the city shining with gold. I was struck with a sense of conviction. As I approached, the holes pierced in those four tense conical structures, just like a tremendously appealing demonic whisper, clutched me with force. What I was looking at was Gaudi’s last masterpiece Sagrada Familia.” (Zitat in Senses of Cinema)

1984 konnte er dann endlich den geplanten Film über Gaudí drehen. Der Kurzfilm von seinem ersten Besuch “Gaudí, Catalunya 1959″ wird ebenso auf der DVD enthalten sein, wie ein kurzer Filmessay von Ken Russell aus dem Jahr 1961.


Palettes komplett

3. November 2007

Palettes, eines der ehrgeizigsten Projekte des Kunstfilms im Fernsehen, erscheint nächste Woche in Frankreich komplett auf DVD. Palettes L’integrale umfasst auf 18 DVDs 50 halbstündige Filme über jeweils ein Bild, dazu einen einstündigen Film über diese renommierte Reihe und ein 48seitiges Beiheft. Alle DVDs haben auch deutschen Ton.

Alain Jaubert, der Erfinder dieses einzigartigen Konzepts, in einen Film jeweils ein Bild genau zu analysieren, äußert sich ausführlich in diesem Interview zu seiner Reihe, die er von 1984 bis 1999 produziert hat:

” … Es ging darum, ganz anders als die traditionelle Kunstbetrachtung zu verfahren und nicht mehr die Geschichte der Maler oder der künstlerischen Epochen darzustellen, sondern sich ein Gemälde vorzunehmen und dessen Geschichte von A bis Z zu erzählen. Die Idee … bestand darin, einen Film in Minutensequenzen aufzuteilen: ein Minute über die Pinsel, eine Minute über die Farben, eine Minute über die Leinwand usw. Diese Formel wurde natürlich nie so angewendet … ” (Alain Jaubert)

Man kann diese voluminöse Box im Sinne von André Malraux auch als ein imaginäres Museum betrachten, das in der Vielfalt der einzelnen Werke den ganzen Reichtum der Malerei offenbart:

Die Sendung scheint auf einhelliges Lob zu stoßen. Es gibt Lehrer, die die Kassetten für Unterrichtszwecke im Fach Landeskunde oder im Zeichnen verwenden. Jedes Bild enthält unzählige Informationen und kann als Argumentationshilfe dienen. Es erstaunt mich sehr, daß Kinder, die eher auf Madonna oder Rap stehen, solche Kassetten aufmerksam ansehen. ” (Alain Jaubert)

Die Edition ist nur in Frankreich lieferbar, beim Herausgeber Editions Montparnasse, bei Arte Boutique und den üblichen Mailorderanbietern.


Manufactured Landscapes

30. August 2007

Die kanadische Filmemacherin Jennifer Baichwal hat den Photographen Edward Burtynsky bei seiner Arbeit in China begleitet. Burtynsky stellt mit einer Großbildkamera die künstlich fabrizierten Landschaften der Industriegesellschaft dar. Der Film “Manufactured Landscapes” versetzt den Zuschauer in einen Zwiespalt zwischen der monströsen Gestalt dieser “Landschaften” und der Faszination ihrer Form:

“Eine Fabrik, die 20 Millionen Bügeleisen jährlich herstellt. Ein Damm so unermesslich gross, dass 13 Städte niedergerissen und über 1 Million Menschen umgesiedelt werden müssen. Eine Stadt, in der sich Wolkenkratzer erstrecken, wohin das Auge reicht. Dies sind Motive vor der Kamera des weltbekannten Fotografen Edward Burtynsky. MANUFACTURED LANDSCAPES begibt sich mit ihm auf die Reise durch China, verfolgt die massive industrielle Revolution dieses Landes und besucht Orte, die bei uns im Westen noch nie zuvor zu sehen waren.
Wie Burtynskys erstaunliche und irritierende Fotografie sinniert auch der Film über die Einflüsse des Menschen auf unseren Planeten, ohne je vereinfachende Lösungen oder Antworten zu liefern. Dabei fordert der Film unser eigenes Urteil heraus, verändert unsere Wahrnehmung der Welt und wie wir ihr begegnen.” (Xenix Film)

Eine ausführliche Kritik des Films von Adam Nayman ist in POV, der Zeitschrift der Documentary Organisation of Canada, erschienen. Die Originalfassung ist bei amazon.com bestellbar.


Helvetica

20. Juli 2007

Gary Hustwit hat einen Film über eine Schrifttype gemacht: “Helvetica” zeigt nicht nur Geschichte und Bedeutung der von Max Miedinger 1957 entworfenen Schrift, sondern auch die visuelle Kultur unserer Welt, die vor allem von Schriftzeichen bestimmt wird. Jeder Photograph weiß, wie schwer es ist, bei Aufnahmen in Großstädten oder anderen menschlichen Ansiedlingen Schriftzeichen zu vermeiden. Andrew Dickson schreibt in seinem Artikel “These people are gods” im Guardian:

“… making a documentary about all this, Hustwit explains, is to put faces to the names of great designers such as Vignelli whose work surrounds us every day but whose identities remain more or less unknown. “When I started this project,” he says, “I couldn’t believe that a film like this didn’t exist already, because these people are gods and goddesses. What they do is more than just logos and corporate branding – they design the type that we read every day in newspapers and magazines, onscreen and on television. Fonts don’t just appear out of Microsoft Word: there are human beings and huge stories behind them.”

… Graphic design is no longer the province of specialists, but available to anyone with a word processor. “All these things that were the realm of professional designers 10 years ago are now being done by eight-year-olds,” says Hustwit. “The more people are exposed to graphic design, the more they appreciate it.” (The Guardian) (Anmerkung: Die Helvetica diente auch als Vorlage für die Arial-Schrift von Microsoft – Vergleich)

Der Film zum 50jährigen Jubiläum der Helvetica wird im Oktober auf DVD erscheinen. Ein Jahr vor Max Miedinger hatte Adrian Frutiger ebenfalls eine serifenlose Schrift entworfen, die Univers. Darüber gibt es zwei Filme auf DVD, die den von Gary Hustwit ideal ergänzen: “Adrian Frutiger, der Mann von Schwarz und Weiß” und “Adrian Frutiger – Schriftgestalter” (Info).


Folgen

Erhalte jeden neuen Beitrag in deinen Posteingang.