Ethnographic Video Online

2. April 2011

Alexander Street Press aus den USA hat einen Fundus von 650 ethnographischen Filmen zu einer Ressource gebündelt und bietet sie als Etnographic Video Online im Streaming -Verfahren an. Im Mittelpunkt des neuen Angebots steht dabei nicht der einzelne Film. Der Filmpool ist als Ganzes rechier- und nutzbar. Streaming ersetzt hier nicht einfach physische Medien wie DVD und Blu-ray mit einer bequemeren Lieferungsart, sondern wird mit seinen spezifischen Möglichkeiten, z.B. unbegrenzter Speicherkapazität, zur Verknüpfung von hunderten Filmen zu einer neuen Einheit genutzt. Im Endausbau sollen 1.000 Filme mit einer Lauflänge von 750 Stunden in dieser Ressource zusammengeführt werden.

“Die vorwiegend englischsprachigen Produktionen, entstanden zwischen 1922 und 2009, stammen aus der ganzen Welt und reichen von einfachen, wenigen Minuten andauernden Video-Feldstudien, über Interviews bis hin zu professionell gestalteten Dokumentarfilmen in Spielfilmlänge. Die Filme, die sich von deskriptiven Dokumentationen bis hin zu dramatisierten Erzählformaten spannen, beschreiben fremde Kulturen, ihre Lebensbedingungen, Normen, Werte sowie Kulturtechniken. Dabei werden verschiedenste Blickwinkel auf Themen wie zum Beispiel Sprache und Kultur, Glaube und Magie, Rituale, Nahrung und Nahrungssuche, Rollenverteilung, Kastenwesen und Sklaverei, Krieg und Konfliktbewältigung gewährt.

[Der Kernbestand stammt von dem renommierten Vertrieb „Documentary Educational Resources“ (DER) , der von John Marshall und Timothy Asch mitbegründet worden ist]. Die Filmauswahl umfasst zahlreiche Klassiker von renommierten Anthrophologen, professionellen Dokumentarfilmern und Fotografen des 20. Jahrhunderts wie Robert J. Flaherty (1884-1951), Timothy Asch (1932-1994), Robert Gardner (*1925), John Marshall (1932-2005), David MacDougall (*1939), Jean Rouch (1917-2004), Melissa Llelewyn-Davies, John Bishop, David Plath u.v.m. (Alexander Street Press)

Reichhaltige Metadaten erlauben eine vielfältige Nutzung des Filmbestands. Die Datenbank kann indexbasiert nach verschiedenen Kriterien wie Titel, Untertitel/Transkript, Ethnologe, Verlag, Sprache, Veröffentlichungsdatum, Aufnahmedatum, Region, ethnische Gruppe, Schlagwort u.a. durchsucht werden. Weitere Features bilden Perma-Links, Standbild- und Playlist-Funktion, Clip-Funktion, verschiedene Bildauflösungsstufen, Notitzfunktion sowie die synchrone Darstellung von Filmaufnahme und Transkript.

Die Bildqualität ist zwar eingeschränkt  – Normalformat: 400 Kilobit/Sek. (400×308 Pixel), Vollformat: 800 Kilobit/Sek. (640×480 Pixel) für Windows Media Player -,  Alexander Street Press ist es allerdings gelungen, mit dem Streaming-Angebot etwas völlig Neues zu schaffen, nämlich aus einem Pool relevanter Filme ein neues Film- /Textmedium zu kreieren, ein einheitliches Studien-Werkzeug, mit dem man fremde Kulturen erkunden und individuell ethnologischen Fragen quer durch den Bestand nachgehen kann – und das alles mit den sinnlichen Qualitäten des Films. Herausragend sind dabei die Transkripte, die synchron zum Film mitlaufen, sowie die intensive Sacherschließung und die Möglichkeit, sich selbst eine Sammlung von Clips zusammenzustellen.

Dies ist umso wertvoller, als der Filmbestand hochklassig ist. Enthalten ist zum Beispiel John Marshalls Langzeitdokumentation “A Kalahary Family”, die in das Memory of the World Register der UNESCO aufgenommen wurde, oder Wang Bings fast 10stündige Dokumentation “Tie Xi Qu – West of the Tracks” (als DVD in den Niederlanden erhältlich).  Die meisten dieser Filme könnte man allerdings aus finanziellen oder lizenzrechtlichen Gründen gar nicht selbst erwerben.

In Deutschland wird Ethnographic Video Online von Digento lizenziert.


Canyon Cinema vor dem Aus

2. April 2011

Schlechte Nachrichten aus den USA: Canyon Cinema, einer der wichtigsten Vertriebe für Experimentarfilme, ist in wirtschaftlichen Schwierigkeiten. Die Organisation, die als Kooperative für die vertretenen Filmemacher arbeitet, verwaltet einen Fundus von 3.500 Titeln, die bis in die 30er Jahre zurückreichen. Enstanden ist sie Anfang der 60ger Jahre im Wohnhaus ihres Gründers Bruce Baillie in Canyon, USA. Jetzt hat ihr Geschäftsführer Dominic Angerame die Alarmglocken geläutet.

Wie viele Experimentalvertriebe hat sich auch Canyon Cinema nicht früh genug entscheiden können, ob man seine Filme breit zugänglich machen will, oder lieber im exklusiven hochpreisigen Zirkel der Kunstwelt verweilt. So hatte man an dem Medienbruch der letzten 15 Jahre zu leiden, denn die neuen Möglichkeiten der DVD als Verbreitungsmedium wurden nicht genutzt:

“This is a very serious letter.  It was emailed to our filmmaker members and we would like to share this with the larger community.  It concerns the survival of Canyon Cinema.
As most of you probably know, film rentals over the past few years have been steadily declining. This is a result of the proliferation of digital media. Many of  Canyon’s major filmmakers who have brought substantial income to the organization have now made their work available in digital formats. Many of our renters, especially in universities, no longer have access to adequate film projection. Often after the purchase of a DVD, instructors of cinema studies continue to use the digital media and forsake the renting of the original 16mm prints. This is partly due to their own dwindling rental budgets and the lack of well functioning projectors.”  (Important Message to the Film Community)

Canyon Cinema hatte in den letzten Jahre zwar immer mehr Titel auch auf DVD zugänglich gemacht, zu angemessenen Preisen allerdings nur für individuelle Kunden, nicht für Institutionen. So konnten z. B. Bibliotheken und Videotheken keine Bestände für die individuelle Ausleihe aufbauen – sicherlich ein schwerer Marketingfehler bei der Popularisierung des Experimentalfilms und der Filmavantgarde.

Man kann nur hoffen, dass die Rettung gelingt und Canyon Cinema sich absichern kann, wie andere wichtige Vertriebe auch:

“Here are some specific examples of experimental film distribution companies modeled after Canyon Cinema currently receiving substantial funding. The Film-Makers’ Cooperative in New York City is currently funded by the Experimental Television Center as well as New York State Council for the Arts. They have also received a life saving donation of free rental space. Light Cone in Paris is funded by several governmental agencies including Le Centre National de la Cinematographie, Le Ministere de la Culture, La Region Ile-de-France and La Ville de Paris. LUX in London is funded by the Arts Council England and the Leverhulme Foundation for Educational Activities. In Canada the Canadian Filmmaker’s Distribution Centre in Toronto is funded by the Canada Council for the Arts, Ontario Arts Council, The Ontario Trillum Foundation and the Toronto Arts Council. In Vienna, Sixpack Film is most generously supported by the Federal Ministry of Art, Culture and Education (Department for Film), City of Vienna – Department of Cultural Affairs,  the Provincial Governments of Lower Austria, Upper Austria and Salzburgh, and the Trade Association for Music and Film industry.” (Important Message to the Film Community)

Doch Subventionen allein werden nicht helfen, wenn man sein Publikum nicht pflegt und erweitert. Wer seine Filme nur einem kleinen Zirkel, d. h. meist nur in den Metropolen bekannt macht, kann nicht reussieren. Die INDEX DVD-Edition von Sixpack Film zeigt, dass es auch anders geht. Und das Marktangebot ist noch reichhaltiger: Die Website Experimental Cinema gibt einen Überblick.


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